Mahnmal – Wie alles begann

Am 23.06.2026, dem Vortag der Einweihung des „Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas“, trafen sich in Berlin in der „Akademie der Künste“ geladene Gäste aus verschiedenen Ländern. Die Veranstaltung befasste sich mit dem langen Weg, der zur Errichtung des Mahnmals führte.

Die Veranstalter waren die „Arnold-Liebster-Stiftung“ in Kooperation mit der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“.

Die Moderation übernahm Uwe Klages (Vorsitzender) von der Arnold-Liebster-Stiftung.

Er begrüßte die ca. 155 Anwesenden, die u.a. aus Ländern wie Dänemark, Kanada, Griechenland, Luxemburg, Österreich, Schweden, Slowenien, Spanien und USA angereist waren.

Einen wesentlich kürzeren Anreiseweg hatten die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und der Politiker Thomas Hacker (FDP). Beide hatten sich für das „Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas“ eingesetzt.

Kammerorchester Terra Nova

Die Veranstaltung wurde mit dem Lied „Fest und entschlossen“ von Erich Frost eingeleitet. Es spielte das Kammerorchester „Terra Nova“ unter der Leitung von Jerôme Weiss, der selbst einer verfolgten Opferfamilie angehört.

Grußworte von Simone Arnold-Liebster

Die 96-jährige Simone Arnold-Liebster war per LIVE-Stream zugeschaltet. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann Max Liebster die Arnold-Liebster-Stiftung gegründet.

Für Simone Arnold-Liebster ist dieses Mahnmal eine Erinnerung an das Gewissen – sowohl an das kollektive als auch an das individuelle. Die Opfer hätten sich persönlich verantwortlich für ihre Mitmenschen gefühlt. Ihr Gewissen habe sie dazu bewegt, anderen zu helfen und ihnen nicht zu schaden. Ihre Treue zu Gott hätten sie als persönliche Pflicht über alles andere gestellt.

Sie hätten sich als Geschwister mit einem gemeinsamen Gewissen verstanden, das sich auf christliche Werte gegründet habe. Die Verstorbenen und die Überlebenden seien schwache und fehlerhafte Menschen gewesen, die dennoch auf ihr Gewissen hören wollten.

Der Mensch habe die Fähigkeit, auch auf seine innere Stimme zu hören – und ihr zu folgen. Die Entscheidung läge bei jedem Einzelnen.

Wir alle besäßen die Fähigkeit, uns selbst mit Abstand zu betrachten, unser Verhalten zu beurteilen und ein reines Gewissen zu bewahren.

Das Gewissen der in der NS-Zeit verfolgten Jehovas habe sie dazu gedrängt, standhaft zu bleiben und Widerstand zu leisten.

Die Erforschung der NS-Verfolgungsgeschichte von Jehovas Zeugen – Quellen und Archive

Prof. Dr. Detlef Garbe ist Historiker und der ehemalige Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Detlef Garbe betonte, dass der Opfergruppe der Zeugen Jehovas jahrzehntelang eine öffentliche Würdigung als Opfergruppe versagt worden sei. In den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten sei kein einziger geschichtswissenschaftlicher Beitrag zur Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas erschienen.

In den Schriften der Zeugen Jehovas sei zwar auf die Verfolgung unter dem NS-Regime aufmerksam gemacht worden, aber es habe nicht dem Ziel der Geschichtsaufarbeitung gedient. Im Focus habe die religiöse Glaubenslehre gestanden.

Bei seinem Promotionsvorhaben sei er in den 1980er-Jahren nicht nur in universitären Kreisen, sondern auch bei der Zentrale der Wachtturm-Gesellschaft auf Vorbehalte gestoßen.

Seine Studie „Zwischen Widerstand und Martyrium“ werde heute noch als Standardwerk genannt, aber die Forschung habe sich weiterentwickelt. Es seien zahlreiche Studien zu einzelnen Regionen und Verfolgungsstätten erschienen, die detaillierte Fragestellungen aufgriffen z.B. zur Situation von Frauen und Kindern.

Zu nennen seien Werke wie der von Hans Hesse 1998 herausgegebene Sammelband „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“, von Marcus Herrberger über die Verfolgung religiöser Kriegsdienstverweigerer und von Christoph Wilker über „Die unbekannten Judenhelfer. Wie Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus jüdischen Mitmenschen beistanden“.

Über die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas in der DDR gäbe es zwei herausragende Beiträge von Hans-Hermann Dirksen unter dem Titel „Keine Gnade den Feinden unserer Republik“ (Dissertation) und die Dissertation „Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich und in der DDR. Feindbild und Verfolgungspraxis“ von Gerald Hacke.

Die Aufarbeitung der Geschehen in den unter Besatzungsherrschaft stehenden Ländern und in den mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten seien durch Gerhard Besier und Katarzyna Stokłosa in dem dreibändigen Werk „Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart“ erfolgt.

Wenig sei bislang über die wenigen KZ-Häftlinge bekannt, die keine Zeugen Jehovas waren oder sich wieder von ihnen getrennt hatten, aber von der SS ebenfalls als Bibelforscher mit dem lila Winkel gekennzeichnet wurden.

Zu den freien Bibelforschergemeinden, die heute keinen institutionellen Rahmen mehr besäßen, verlören sich die Spuren.

Die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas sei heute noch lange nicht in Gänze ausgeleuchtet.

Für die Forschung sei ein offener Blick für viele Perspektiven auf das Thema wichtig.

Man benötige Interesse und Einfühlungsvermögen in religiöse Gedankenwelten, Gewissenhaftigkeit, zeitgeschichtliche Kenntnisse und fachliche, insbesondere quellenkritische Kompetenzen.

Detlef Garbe sei seine Unbefangenheit und der Umstand zugutegekommen, dass er Menschen getroffen habe, die ihm von ihren Erfahrungen erzählt hätten. Man habe ihm Unterlagen zugänglich gemacht, die meist nur im Familienkreis oder der örtlichen Glaubensversammlung bekannt waren. Ein Interesse an öffentlicher Aufklärung habe nicht bestanden.

Die Literatur- und Aktenlage sei ergiebig gewesen. In Büchern von Überlebenden befänden sich Hinweise auf die mit dem lila Winkel gekennzeichneten Bibelforscher. Manche seien von der Standhaftigkeit beeindruckt gewesen. Andere hätten Unverständnis und Ablehnung geäußert.

Die archivarische Überlieferung der Verfolgungsinstanzen und das zeitgenössische Schrifttum der Zeugen Jehovas seien für die Forschung zentral.

Vor allem für die 1930er-Jahre fänden sich in den Lageberichten der Staatspolizeistellen, des Sicherheitsdienstes der SS, der Generalstaatsanwälte und Oberlandesgerichtspräsidenten sehr viele Erwähnungen über die trotz Verbots fortgeführten Missionsaktivitäten und Zusammenkünfte, über illegale Herstellung, Schmuggel und Verbreitung der Schriften und 1936/37 auch über reichsweit durchgeführte Flugblattaktionen.

Von zentraler Bedeutung seien die im großen Umfang erhaltenen Akten von Justizverwaltung und Gerichtsbarkeit. Die Gerichtsakten seien auch deshalb von großer Bedeutung, weil hierin Ermittlungsergebnisse der Geheimen Staatspolizei eingeflossen seien.

Als Quelle sei auch das umfangreiche zeitgenössische Schrifttum der Zeugen Jehovas zu nennen. In den Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Das Goldene Zeitalter“ (heute Erwachet) sei in den Jahren nach 1933 ausführlich über die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland aus eigener Sicht berichtet worden.

In den 1990er Jahre habe er eine große Unterstützung für sein Forschungsvorhaben durch die Arbeit des Geschichtsarchivs von Jehovas Zeugen in Selters erhalten.

Nicht nur in der Forschung, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung des Themas sei in den letzten drei Jahrzehnten eine Änderung spürbar. Heute fände man in nahezu allen Gedenkstätten eigene Bereiche zu den Bibelforscher-Häftlingen. Auf Erinnerungstafeln und in Gedenkreden würden die Zeugen Jehovas bei der Aufzählung der Opfergruppen oft mit genannt. Zeichen eines diskriminierenden Umgangs seien zumindest in erinnerungskulturellen Kontexten nur noch vereinzelt feststellbar. Fast 500 Stolpersteine würden heute auf Gehwegen in Deutschlands Städten an verfolgte Zeugen Jehovas erinnern, knapp 30 Straßen seien nach Personen aus dieser Opfergruppe benannt. Die begleitend zum Mahnmalsprojekt entwickelte Website „Biografien verfolgter Zeugen Jehovas weise insgesamt 154 Gedenkorte nach.

Die Website stelle bisher 568 Biographien vor und ermögliche Zugänge für die Suche nach Wohnorten, nach Stätten des Widerstands und der Verfolgung sowie nach Gedenkorten. Insgesamt seien es über 15.500 Verfolgtenschicksale. Dies zeige, dass noch viele Biographien zu ergänzen seien, auch derjenigen, die sich später von den Zeugen Jehovas getrennt hätten.

Dass der Bundestag am 22. Juni 2023 fraktionsübergreifend und einstimmig den Beschluss für das Mahnmal gefasst habe, sei ein wirklich bemerkenswerter Vorgang. Spätestens nach der Einweihung des Mahnmals könne nun nicht mehr die Rede davon sein, dass die Zeugen Jehovas zu den „vergessenen Opfern“ zählen.

Standhaft trotz Verfolgung/Stand Firm

James Pellechia ist der Produzent des Films Stand Firm (Standhaft trotz Verfolgung). James Pellechia beschrieb die Entstehung des Dokumentarfilms Stand Firm (Standhaft trotz Verfolgung), der den moralischen Mut der Zeugen Jehovas während der Zeit des Nationalsozialismus beleuchte. Ausgangspunkt sei die Begegnungen mit der Familie des hingerichteten Jonathan Stark sowie ein Besuch des Konzentrationslagers Bergen-Belsen gewesen.

Der 17 jährige Jonathan Stark verweigerte den Eid auf Hitler. Er wurde in das Gefängnis Stuttgart überstellt und kam später in das Jugend-KZ in Moringen bei Göttingen. Von dort aus wurde ins KZ Sachsenhausen gebracht, wo er am 01.11.1944 im Alter von 18 Jahren durch den Strang hingerichtet wurde.

James Pellechia besuchte auch die KZ Gedenkstätte Bergen-Belsen. Er sei erschüttert darüber gewesen, was er gesehen habe: vierzehn riesige Massengräber – nur Erdhügel – und die Worte, die in die Sandsteinmauern eingraviert waren: „Hier liegen 1.000 Tote. 1945.

Zur Eröffnung des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. in 1993 wurde auch ein Vertreter der Opfergruppe der Zeugen Jehovas eingeladen. Er sei stellvertretend entsandt worden. Dort habe er Dr. Sybil Milton getroffen. Als leitende Historikerin des Museums habe sie die Geschichte der Zeugen Jehovas gut gekannt. Sie habe zu ihm gesagt: „Die Zeugen haben eine wichtige Geschichte zu erzählen. Aber ihr – die Zeugen Jehovas – müsst sie selbst erzählen.“

Am 29. September 1994 habe das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. ein internationales Seminar mit dem Titel „Der Nazi‑Angriff auf die Zeugen Jehovas“ veranstaltet. Unter den Vortragenden seien sechs prominente Historiker, darunter Dr. Detlef Garbe, sowie zwei Vertreter der Wachtturm-Gesellschaft – einer aus New York und einer aus Deutschland gewesen. Außerdem seien sieben der zwanzig anwesenden überlebenden Zeugen Jehovas interviewt worden.

Einer der Vorträge sei später in dem Buch The Sword and the Spirit: Jehovah’s Witnesses Expose the Third Reich (1997) veröffentlicht worden. Dieses sei an Nationalbibliotheken und akademische Einrichtungen in etwa fünfzig Ländern verteilt worden. Das Seminar habe den Anstoß zur Produktion des Dokumentarfilms Stand Firm (Standhaft trotz Verfolgung) gegeben. Die Dreharbeiten hätten Ende 1995 begonnen und seien innerhalb weniger Wochen abgeschlossen worden. Die Uraufführung habe 1996 im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück  stattgefunden und habe eine breite mediale Aufmerksamkeit erhalten.

Zusätzlich zum Film sei ein pädagogischer Studienleitfaden veröffentlicht worden, um Schülern etwas über Vorurteile, Toleranz, Gruppendruck und die Bedeutung des Gewissens zu vermitteln.

Der Film sei weltweit in vielen Städten und Gemeinden gezeigt worden, meist in Verbindung mit der begleitenden Ausstellung.  

Der Dokumentarfilm habe der Welt eine wenig bekannte Seite des Widerstands gegen den Nationalsozialismus gezeigt. Die Öffentlichkeit habe dadurch die Stimmen und Gesichter der standhaften Zeugen hören und sehen können.

Der Film habe zwei Ziele:

  1. Die internationale akademische Welt über die Überzeugungskraft, den Widerstand und den moralischen Mut einer oft übersehenen Opfergruppe der Zeugen Jehovas zu informieren.
  2. Zu zeigen, wie Zeugen Jehovas – jung und alt – die Kraft moralischer Überzeugung im Angesicht von Ungerechtigkeit und Widrigkeiten bewiesen.

Im Jahr 2026 könne man sehen, dass ein kleiner Same, der durch den Dokumentarfilm Stand Firm (Standhaft trotz Verfolgung) gesät worden sei, zu einem beeindruckenden Gedenkbaum herangewachsen ist. Der Baum trage Narben, und doch stehe er hoch, stabil und beuge sich weder noch breche er. (Rede auf Englisch)

Verweigerte Erinnerung – der lange Weg zum Mahnmal

Prof. Wolfgang Benz ist Zeithistoriker. Er war von 1990 bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Er ist Mitglied in den Beiräten der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Er hat den langen Weg zum Mahnmal für die verfolgten Zeugen Jehovas ein Stück begleitet und vor allem beobachtet.

Prof. Wolfgang Benz sagte:

Die Zeugen Jehovas sind die einzige religiöse Gemeinschaft gewesen, die geschlossen und konsequent aus ihrem Glauben heraus Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet hat.

Weil sie den Hitlergruß, den Eid auf den Führer, den Wehrdienst und jede Tätigkeit in der Rüstungsindustrie verweigert haben, wurde sie ab 1933 verboten und verfolgt. Die Nationalsozialisten haben die Glaubensgemeinschaft oft unter Beifall der Amtskirchen als angebliche Helfer des Kommunismus und als „jüdische Sekte“ stigmatisiert.

Die Diskriminierung hat sich auch nach dem Zusammenbruch des Hitlerstaates fortgesetzt. In der DDR wurden sie 1950 verboten, drangsaliert und erneut ihrer Freiheit beraubt.

Etwa 14.000 Zeugen Jehovas – Männer, Frauen und Kinder – sind im Nationalsozialismus stigmatisiert und schikaniert worden, weil sie ihrem Glauben treu geblieben sind. Religiöse Aktivitäten und Verkündigungsdienst waren zwar verboten, wurden aber trotzdem durchgeführt. Im KZ Niederhagen/Wewelsburg wurden sogar heimlich religiöse Schriften gedruckt.

Militär- und Sondergerichte haben sie als Staatsfeinde bestraft und viele Zeugen Jehovas wurden von der Gestapo in Konzentrationslager eingewiesen.

Zeugen Jehovas sind aber nicht nur Opfer gewesen. Sie haben öffentlich und privat Widerstand gegen die Ideologie des Nationalsozialismus geleistet. Rund 30.000 Protestbriefe aus aller Welt sind gegen das Hitler-Regime im Jahr 1934 versandt worden. 1937 hat es eine groß angelegte Flugblattaktion gegeben, die eine taktische und strategische Meisterleistung gewesen ist.

Zeugen Jehova haben sich mit anderen Verfolgten solidarisiert und jüdischen Nachbarn geholfen, indem sie sie versteckt, versorgt und bei der Flucht unterstützt haben. Dagobert Lewin und Inge Deutschkron haben dank Angehöriger der Zeugen Jehovas überlebt. Dagobert Lewin wurde in der Autowerkstatt Stolze versteckt, während Inge Deutschkron in der Wäscherei des Ehepaars Franz und Emma Gumz in der Knesebeckstraße in Berlin-Charlottenburg untertauchen konnte.

Im öffentlichen Gedächtnis sind die Zeugen Jehovas als Widerstandskämpfer und solidarische Helfer anderer Verfolgter erst sehr spät wahrgenommen worden.

Die Zeugen Jehovas haben sich als Zeichen des Erinnerns und Gedenkens einen authentischen Ort im Berliner Tiergarten, nahe dem Goldfischteich gewünscht, da dort ein Zentrum ihres Widerstandes gelegen hat. Es sei wichtig, dass dieses Denkmal im Gedenkensemble für die Opfergruppen der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen und der Euthanasieopfer steht.

Vertreter der Mehrheitsgesellschaft haben das zum Teil anders gesehen. Abgeordnete des Bundestages haben vorgeschlagen, das Denkmal in den schlecht erreichbaren ehemaligen Berliner Stadtbezirk Marzahn zu verlegen. Ein anderer Vorschlag war die Unterbringung im geplanten Dokumentationszentrum zur deutschen Besatzungsherrschaft in Europa gewesen.

Die Chronologie der Entstehung des Denkmals seit 2019 ist lang. Es hat politische Widerstände, Verzögerungen, Ausweichvorschläge und bürokratische Hindernisse gegeben, die den Prozess über Jahre erschwert hätten.

Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ist nicht bei allen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft beliebt. Aber sie ist im Nationalsozialismus verfolgt worden. Das allein muss für jedes demokratische Verständnis Grund genug sein, diese Gemeinschaft im öffentlichen Gedächtnis würdig zu vertreten. Sie ist vorbildlich in der Hilfe für andere und in der Ablehnung der diktatorischen Züge des Regimes gewesen. Die Zeugen Jehovas waren unbeirrbar im Widerstand und in ihrer Haltung im Unrechtsstaat.

Das Erinnern an die Verfolgung und das tapfere Widerstehen der Zeugen Jehovas durch ein Zeichen im öffentlichen Raum ist längst überfällig.

Vorstellung der Stiftung „Denkmal für ermordete Juden Europas“

Uwe Neumärker ist der Direktor der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden“.

Uwe Neumärker erläuterte, dass die Stiftung, die das neue Mahnmal für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas errichtet habe und betreuen werde, aus der Debatte um das Holocaust-Denkmal hervorgegangen sei. Es sei diskutiert worden, ob es ein Denkmal für alle Opfer des Nationalsozialismus geben solle oder exklusiv nur für die ermordeten Juden in Europa. Man habe sich dann für ein Holocaust-Mahnmal entschieden. Der Bundestag sei im Sommer 1999 darüber hinaus für Deutschland die Selbstverpflichtung eingegangen, aller NS-Opfer würdig zu gedenken.

Seit 2000 fördere die Stiftung neben dem Holocaust-Mahnmal auch das Gedenken an andere Opfergruppen. Dazu gehören u. a. die Zeitzeugenbuchreihe (26 Bände), das Homosexuellen-Denkmal (2008), das Sinti-und-Roma-Denkmal (2012), der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der Euthanasie-Morde (2014), zwei Wanderausstellungen zu den Opfern der NS-Militärjustiz (2007) und den »Verleugneten« (2024) sowie Projekte in der Ukraine und eine Online-Ausstellung für Jugendliche.

Uwe Neumärker erinnerte an Initiativen zu „vergessenen Opfergruppen“, darunter Zeugen Jehovas und sowjetische Kriegsgefangene, sowie an die Rehabilitation der als „asozial“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten (2020). Auch letztere möchten ein Denkmal.

Ein weiteres großes Projekt sei das geplante Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzungsherrschaft.

Das neue Mahnmal für die Zeugen Jehovas sei durch beharrliche Initiative der Gemeinschaft und parteiübergreifende Unterstützung im Bundestag möglich geworden. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth habe die Finanzierung gesichert.

Er freue sich darüber, dass das Mahnmal nun der Öffentlichkeit übergeben werde und dankte dem Bundestag, dem BKM und seiner Verwaltung.

Gebete für heutige Verfolgte von Johannes Haufe

Uwe Klages stellte kurz den 90-jährigen Johannes Haufe vor. Über ihn berichtete JW.org am 26.02.2026.

Johannes Haufe sagte, dass ihn schon als Kind die Erfahrungen der aus Lagern zurückkehrenden Zeugen Jehovas tief berührt hätten. In der DDR habe er dann selbst die Verfolgung erlebt: Sein Vater sei verhaftet und die Familie unter Druck gesetzt worden. Er möchte sich auch heute für verfolgte Glaubensgeschwister einsetzen. Das Gebet sei eine Möglichkeit zu helfen. Da heute jede/r verfolgte Zeuge/Zeugin Jehovas namentlich auf der Webseite JW.org vermerkt sei, habe er sich eine eigene Kartei angelegt. Neben dem Namen sei der Grund ihrer Verfolgung vermerkt. Jeden Tag nehme er einen Zettel aus dieser Kartei, lese ihn durch und bete für die betreffende Person.

Der Weg zum Ziel

Mario Bergmann, ein Mitglied des Vorstandes der Arnold- Liebster Stiftung führte die Interviews mit Uwe Klages, Uwe Langhals und Matthias Leeck.

Interview mit Uwe Klages

Uwe Klages ist seit 24 Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender und Mitbegründer der Arnold- Liebster Stiftung.

Mario Bermann bat Uwe Klages, die Idee hinter der Gründung der Arnold‑Liebster‑Stiftung zu erläutern.

Uwe Klages berichtete, alles habe 1996 mit dem Video Stand Firm (Standhaft trotz Verfolgung) in Ravensbrück begonnen. Die Religionsgemeinschaft habe ihn dorthin geschickt, um einen Bericht darüber zu schreiben. Dieser sei aber nie veröffentlicht worden. Stattdessen habe er dort ganz andere, sehr positive Erfahrungen gemacht.

Alle Beteiligten seien in einem Berliner Hotel untergebracht gewesen. Er habe Simone und Max Liebster über mehrere Tage hinweg mit dem Auto von Berlin nach Ravensbrück und zurückgefahren. Er habe mit ihnen intensive Gespräche geführt. Für ihn sei es ein einmaliges Erlebnis gewesen, ihnen so nahe zu sein und ihnen zuzuhören.

Er habe viele Fragen gestellt. Simone und Max hätten ihm erzählt, dass sie jeweils ihre Lebensgeschichte aufschreiben wollten. Sie hätten außerdem den Wunsch gehabt, der nachfolgenden Generation beizubringen, „Nein zu sagen“. Sie hätten nicht gewusst, wie sie dieses Ziel erreichen könnten.

Spontan habe er vorgeschlagen, eine Stiftung zu gründen. Beide hätten sofort zugestimmt.

Auf die Frage, wie Simone und Max anschließend durch die Stiftung tätig gewesen seien, erklärte er, dass sie auf verschiedene Weise aktiv gewesen seien. Sie seien durch die USA gereist, hätten ihre Bücher vorgestellt, Vorträge gehalten und zahlreiche Auftritte bei Ausstellungen und Museen gehabt. Sie hätten Interviews über ihre Erlebnisse gegeben. Das sei für beide sehr bewegend und zugleich wichtig gewesen.

2008 sei Max Liebster verstorben. Uwe Klages berichtete, dass Max Liebster in Aix‑les‑Bains gelebt habe, wo es eine große jüdische Gemeinde gebe. Als Jude und Zeuge Jehovas sei er dort nicht unumstritten gewesen. Doch nach seinem Tod hätten Vertreter der jüdischen Gemeinde erklärt, Max Liebster sei „der wahre Jude“ gewesen, den sie in Aix‑les‑Bains unter sich gehabt hätten.

Simone Liebster habe die Arbeit fortgeführt. Sie habe sich per Video live in Veranstaltungen, Museen und Ausstellungen zugeschaltet. Die Stiftung habe insbesondere in den USA Treffen mit Lehrern, Schülern und Studenten organisiert. Auf diese Weise seien im Laufe der Jahre mehr als 70.000 Menschen erreicht worden.

Interview mit Uwe Langhals

Uwe Langhals ist seit 8 Jahren im Vorstand der Arnold-Liebster-Stiftung tätig.

Mario Bergmann merkte an, dass Uwe Langhals von Anfang an beim Projekt Mahnmal dabei gewesen sei, jedoch sei er nicht der erste Initiator gewesen.

Uwe Langhals bestätigte dies. Als Laie habe er völlig unbefangen und ohne professionelle Erfahrung ein solches Projekt begonnen. Er habe bei verschiedenen Ämtern (z.B. Bezirksamt Mitte, die untere Denkmalsbehörde und das Grünflächenamt) nachgefragt, wie es möglich sei, ein Denkmal für verfolgte Zeugen Jehovas in Berlin zu errichten.

Er sei von einer Stelle zur nächsten geschickt worden, immer mit dem Hinweis, man müsse zuerst woanders nachfragen. Die Jahre seien vergangen, ohne dass etwas vorangegangen sei.

Viel später sei ihm klar geworden, dass die Initiative eigentlich 2001 begonnen habe. Im Tätigkeitsbericht der Stiftung Denkmal sei dokumentiert, dass bereits 2001 der Sprecher des Beirats Vertreter verschiedener Opfergruppen eingeladen habe – darunter auch einen offiziellen Vertreter der Zeugen Jehovas.

Danach habe das Projekt eine Zeit lang geruht. Durch Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sei wieder etwas Bewegung in das Projekt gekommen. Dieser habe erklärt, dass das Vorhaben durch den Bundestag müsse. Das habe schwierig geklungen, da Zeugen Jehovas politisch neutral seien. Man habe jemanden finden müssen, der sich für sie einsetze.

Uwe Langhals war erstaunt, dass eine ganze Reihe von Politikern gegeben habe, die bereit gewesen seien, sich für diese Opfergruppe einzusetzen. Unter ihnen seien die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und der Politiker Thomas Hacker (FDP) gewesen.

Zum Schluss fügte er hinzu, dass es natürlich auch Hindernisse gegeben habe. Ein mittlerweile freundschaftlich verbundener Mensch habe oft gesagt: „Euer Jehova wird das schon machen.“ Dem habe er nichts hinzuzufügen.

Interview mit Matthias Leeck

Matthias Leeck ist ein deutsch-italienischer Bildhauer und Meisterschüler der Kunstakademie Düsseldorf. Er hat das Mahnmal und den Park gestaltet.

Mario Bergmann bat Matthias Leeck, die Form und die Oberfläche näher zu erläutern, da die Skulptur wie ein Baum wirke.

Matthias Leeck sagte, dass der Standort – ein Park – entscheidend gewesen sei. Dort entständen oft freie Stellen, wenn Bäume fehlen. Er wollte eine Form schaffen, die diese Lücke fülle und sich natürlich in die Umgebung einfügen würde. Deshalb erinnere die Skulptur an einen Baum. Im Herbst sollen außerdem neue Bäume gepflanzt werden – das gehöre zum Gesamtkonzept des Gedenkens.

Die Skulptur solle Standhaftigkeit zeigen. Matthias Leeck habe sich mit den letzten Worten der verfolgten Zeugen Jehovas beschäftigt und festgestellt: Sie seien nicht von Angst geprägt gewesen, sondern von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Obwohl sie durch einen Eid auf Hitler oder durch Kriegsdienst viel Leid hätten vermeiden können, hätten sie sich bewusst dagegen entschieden. Diese Haltung wollte er künstlerisch sichtbar machen.

Die Skulptur bestehe aus zwölf Tonnen Bronze. Sie sei komplett massiv, nicht hohl. Damit solle die Stärke und Unerschütterlichkeit der Menschen symbolisiert werden, an die das Mahnmal erinnere.

Die Oberfläche der Skulptur sei eine Art Schichtung von Erinnerungen. Als Grundlage habe er historische Fotos aus der Zeit der Verfolgung (z. B. Ravensbrück) und eigene Fotos aus heutigen Gedenkstätten (Buchenwald, Sachsenhausen) verwendet.

Diese Bilder habe er übereinandergelegt – wie eine Mehrfachbelichtung – und daraus ein Relief entwickelt, das in die Skulptur übertragen wurde.

Auch ein Musikstück sei Teil der Skulptur. Es sei das erste Musikstück, das das Orchester von Erich Frost, gespielt habe. Matthias Leeck wollte keine beliebigen Formen, sondern eine präzise Kontur. Darum hätte er das Lied von einem Komponisten analysieren und musikalisch verdichten und einen charakteristischen Tastenanschlag herausarbeiten lassen. Dieser habe ihm eine entsprechende Sequenz geschickt. Aus dieser musikalischen Frequenz habe sich eine Kontur ergeben, die in abstrakter, zurückhaltender Weise in die Skulptur eingeflossen sei.

Die Form, das Material und die Oberfläche sollen den Mut und die Hoffnung der verfolgten Zeugen Jehovas sichtbar machen.

„Der historische Ort“

Interview Micha Kours mit Angela Nerlich Die Historikerin Angela Nerlich hat die Familie Kours https://www.biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de/personen/2282/otto-kours während ihrer Recherchen kennengelernt. Micha Kours erinnerte zuerst daran, dass Angela Nerlich für das Begleitbuch zum Mahnmal intensiv geforscht habe. Er fragte sie, was der Ausgangspunkt ihrer Arbeit gewesen sei und was den Startschuss gegeben habe. Angela Nerlich berichtete, sie habe vor sieben Jahren einen Anruf von Uwe Langhals von der Arnold-Liebster-Stiftung erhalten. Er habe sie gefragt, ob es einen historischen Beleg für den Widerstandsort am Goldfischteich gebe. Sie habe ein Verhörprotokoll aus dem Jahr 1936 gefunden, in dem der Goldfischteich ausdrücklich erwähnt werde. Allerdings habe sich herausgestellt, dass es in Berlin zwei Teiche gebe, die im Volksmund „Goldfischteich“ genannt würden. Anhand der Urteilsschrift habe man eindeutig feststellen können, dass es sich um den Goldfischteich im Berliner Tiergarten handle.Micha Kours fragte, ob es während der Recherche auch Momente gegeben habe, die sie überrascht hätten. Angela Nerlich bestätigte das. Ein besonders bemerkenswerter Fund stände im Zusammenhang mit dem Begleitband zum Fotodrama der Schöpfung. Heinrich Himmler habe sich 1939 einen schriftlichen Überblick über die Geschichte und Struktur des Bibelforscherwerks erstellen lassen. In diesem Dokument habe sich eine „fast ehrfürchtige Bewunderung“ über das Fotodrama gezeigt – eine monumentale Farb- und Tonverfilmung, die ihrer Zeit weit voraus gewesen sei. Himmler habe persönlich am Rand vermerkt: „Beschaffen, wünsche ich zu sehen.“ Das Begleitbuch sei ihm daraufhin ausgehändigt worden, und unter seiner Notiz habe sich der Vermerk „Erledigt“ gefunden. Das Buch habe der Reichsführer SS behalten. Diese Entdeckung sei für sie äußerst überraschend gewesen. Das Buch und die Dokumente könne man in der Ausstellung im Foyer zu sehen.

Michael Kours wollte wissen, wie man sich ihre Arbeit als Historikerin vorstellen müsse. Angela Nerlich erklärte, die Tätigkeit gleiche der eines Eichhörnchens: Man sammle unzählige Informationen wie Nüsse. Der Lieblingsort eines Historikers sei der Archivkeller. Allein für Jehovas Zeugen gebe es derzeit rund 20.000 Verfolgungsbiografien, die mit vielen Details gefüllt werden müssten. Jede einzelne „Nuss“, die man finde und „knacke“, sei ein Erfolgserlebnis, weil sie die Biografie eines Menschen ergänze – eines Menschen, der „geradegestanden habe, weil er nicht anders konnte“.Micha Kours erkundigte sich, ob es auch Informationen gegeben habe, die zunächst unbedeutend erschienen, sich später aber als äußerst wichtig herausgestellt hätten. Angela Nerlich bestätigt das. Ursprünglich sei man nur von zwölf Aktivisten am Goldfischteich ausgegangen. Bei der Recherche sei ihr immer wieder der Name Franz Kassing begegnet – zunächst sei dies ohne Bedeutung gewesen. Später habe sich herausgestellt, dass er der Verbindungsmann zwischen dem Reichsleiter und den Bezirksleitern gewesen sei. Seine Kellerräume in Hennigsdorf seien das Zentrum einer groß angelegten illegalen Schallplattenproduktion gewesen. Außerdem habe er das geheime Literaturlager im Stadtbahnbogen Bellevue verwaltet. Damit sei er der dreizehnte Goldfischteich-Aktivist gewesen.

Michael Kours fragte neugierig, was diese Recherche und das ganze Projekt mit der Historikerin und dem Mensch Angela Nerlich persönlich gemacht habe. Angela Nerlich sagte, sie sei besonders von dem Ausmaß berührt worden, in dem die Skulptur des stilisierten Baumes die innere Haltung der Aktivisten widerspiegele. Ein Baum wachse immer nach oben – dies passe zu den Aktivisten, die nach eigener Aussage ihre Kraft „von oben“ erhalten hätten. Was ein Baum über der Erde an Masse habe, besitze er auch unter der Erde. Auch das passe zu Jehovas Zeugen, die so tief in ihren Überzeugungen verwurzelt seien, dass weder NS‑ noch SED‑Repressionen sie hätten entwurzeln können. Zudem ruhe die Skulptur auf nur einem Quadratmeter Grundfläche – ein Sinnbild dafür, dass Jehovas Zeugen damals wie heute keinen Raum beanspruchten, sondern einfach nur geradestünden.

Auf die Frage, was sie sich von zukünftigen Besuchern des Mahnmals wünsche, sagte Angela Nerlich, es sei ihr ein Herzensanliegen, dass Besucher die Verantwortung, die aus dem Mahnmal spreche, für sich selbst wahrnähmen. Das Richtige zu tun sei nicht abhängig vom Preis, den man dafür zahle. Kein Mensch habe das Recht, dem Unrecht zu gehorchen. Geradestehen könne Wunden schlagen und dauerhafte Narben hinterlassen – wie das Mahnmal zeige –, aber es sei unerlässlich für die Menschlichkeit.

Grußwort der Nachgeborenen vom Goldfischteich

Insgesamt waren 22 Personen, Enkel, Urenkel und Ururenkel der unter dem Nationalsozialismus verfolgten Zeugen Jehovas anwesend, die sich damals am Goldfischteich trafen.

Verena Kours richtete ein Grußwort an die Zuhörer. Sie sprach stellvertretend für alle Angehörigen und Nachgeborenen von Zeugen Jehovas, die während der NS‑Diktatur verfolgt, eingesperrt und ermordet wurden.

Über 15.500 Frauen und Männer dieser Glaubensgemeinschaft seien unmittelbar verfolgt worden, mehr als 4.500 seien in Konzentrationslager gekommen und über 1.800 gestorben.

Sie selbst sei die Enkelin von Otto Kours. Er habe zu den dreizehn sogenannten Goldfischteich‑Aktivisten gehört, die sich regelmäßig im Berliner Tiergarten getroffen hätten. Diese Männer seien überzeugt gewesen, dass weder Führerkult noch Ideologie noch ein totalitärer Staat das Recht hätten, sich über Gott und das Gewissen des Einzelnen zu stellen. Für sie seien christliche Werte wie Nächstenliebe, Friedfertigkeit und Mut etwas gewesen, das gelebt werden müsse – selbst dann, wenn es gefährlich werde.

Ihr Großvater sei in das KZ Sachsenhausen gebracht worden, wo er im Januar 1940 unter elenden Bedingungen gestorben sei. Auch drei weitere Aktivisten hätten für ihren Glauben den Tod erlitten, darunter Wilhelm Ruhnau, dessen Angehörige ebenfalls anwesend seien.

Obwohl sie ihren Großvater nie persönlich kennengelernt habe, sei er ihr sehr nahe. Sein Leid, seine Geschichte und sein Mut hätten ihre Familie und sie selbst tief geprägt. Er sei erst zehn Monate verheiratet gewesen, als er verhaftet wurde; seine Frau sei schwanger gewesen. Sein Sohn – ihr Vater – habe seinen eigenen Vater nur zwei- oder dreimal sehen dürfen. Dieser Vater sei später nur als Schemen, als Foto, als Erzählung geblieben. Eine solche Lücke, sagte sie, werde nicht mit dem Tod geschlossen. Sie ziehe sich durch Generationen – und hinterlasse zugleich etwas Wertvolles: Vorbilder, die Maßstäbe setzen.

Viele Jahre sei es schwer gewesen, dieses Leid öffentlich zur Sprache zu bringen. Direkt nach dem Krieg hätten viele Menschen nicht über die Grausamkeiten sprechen wollen. Später seien Gleichgültigkeit und Müdigkeit hinzugekommen. Man habe nach vorne schauen und das Thema ruhen lassen wollen. Ihre Großmutter, die im letzten Kriegsjahr selbst inhaftiert gewesen und schwer erkrankt sei, habe später vergeblich gehofft, dass jemand etwas über das erlittene Unrecht wissen wolle. Als sie starb, sei Verena Kous siebzehn Jahre alt gewesen. Ihre Großmutter sei mit dem Bewusstsein gestorben, dass niemand Interesse an der Geschichte ihres Mannes oder ihrer eigenen gehabt habe.

Für die Angehörigen und Nachgeborenen sei dies ein kaum auszuhaltender Zustand gewesen. Sie hätten die Geschichten ihrer Familien wie eine stille Last mit sich getragen. Sie hätten um das Leid, die Verluste und die inneren Narben gewusst – doch außerhalb der eigenen Familie habe es nur wenige interessiert. Wenn sie erzählt hätten, sei es manchmal so gewesen, als sprächen sie gegen eine unsichtbare Wand. Man habe zugehört, manchmal höflich, manchmal mit ehrlichem Anteil, aber oft mit Distanz. Es sei gewesen, als gehörten diese Geschichten eher in die private Erinnerung als in die Öffentlichkeit.

Dabei gehe es bei diesen verfolgten Menschen nicht nur um Leid, sondern auch um ein Vermächtnis: um Mut, anders zu sein; um die Bereitschaft, für etwas einzustehen, selbst wenn ein totalitärer Staat etwas anderes verlange.

Die Nachgeborenen trügen die Geschichten ihrer Familien im Herzen. Deshalb sei es für sie ein großes Geschenk, dass diese Namen, Schicksale und Geschichten nun einen öffentlichen Platz fänden. Das Gedenken sei … eine späte Antwort auf das Schweigen früherer Jahre.

Doch das Gedenken sei nicht nur Rückblick. Verena Kous stellte die Fragen:

Was machen wir mit diesem Erbe?

Was lernen wir heute aus diesem Mut?

Was machen wir mit den Berichten, von all den Menschen, die bis heute um ihres Gewissens willen verfolgt werden?

Die Nachgeborenen seien überzeugt, dass man ihnen nichts Gerechteres schulde, als sich diesen Fragen zu stellen.

Aber wenn alle zusammenstünden und gemeinsam die Vergangenheit lebendig hielten, nähmen sie ihre Verantwortung an. Man dürfe niemals vergessen, was geschehe, wenn weggesehen werde. Erinnern bedeute nicht nur Gedenken, sondern auch Mahnenfür Menschlichkeit, Mitgefühl, Respekt und die Würde jedes einzelnen Menschen, besonders für kommende Generationen.

ANMERKUNG:

Nicht alle ehemaligen Verfolgten stießen auf Desinteresse, wenn sie über ihre Verfolgungsgeschichte erzählten. Karl Domeier berichtete in seiner Heimatversammlung Katlenburg im Vorharz über die Erschießung von August Dickmann. Er wohnte damals der Erschießung bei.

Unter den Zuhörern befanden sich damals auch Kinder. Zwei der zuhörenden Kinder engagieren sich seit Ende der 1990er Jahre bei der Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas in unterschiedlichen Bereichen.

Interview: Gelebter Widerstand (dt. Übersetzung)

Dennis Christensen wurde am 25.05.2017 in Orjol (Russland) festgenommen und inhaftiert, da er bei einer religiösen Versammlung der Zeugen Jehovas anwesend war. Zeugen Jehovas waren in Russland im April 2017 als extremistisch eingestuft und verboten worden. Man warf Dennis Christensen vor, die Aktivitäten einer religiösen Organisation organisiert zu haben. Er verbrachte als dänischer Staatsbürger, insgesamt fünf Jahre in unterschiedlichen russischen Haftanstalten.

Kirsten Paul, ein Mitglied des Vorstands der Arnold-Liebster Stiftung, interviewte Dennis und Irina Christensen aus Dänemark. Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Kirsten Paul stellte ihnen einige Fragen. Als erstes wollte sie von Dennis Christensen wissen:

Was bedeutete es für dich, als du Berichte über Zeugen Jehovas gelesen hast, die die Zeit des Nationalsozialismus durchlebten, bevor Du inhaftiert wurdest?

Dennis Christensen sagte, diese Berichte hätten ihm geholfen zu verstehen, dass es sich um schwere Prüfungen gehandelt habe. Er betonte, dass er zwar nicht vollständig habe nachvollziehen können, was die damaligen Zeugen erlebt hatten. Es sei ihm aber klar gewesen sei, dass Jehova (Name Gottes) ihnen nahe gewesen sei. Das habe ihm geholfen, sich auf seine eigene Gefängniszeit vorzubereiten. Besonders das Buch Facing the Lion (Allein vor dem Löwen) habe ihn tief beeindruckt. Er habe während seiner Haft einen Brief der Autorin Simone Arnold-Liebster erhalten. Dieser habe ihm große Kraft gegeben.

Kirsten Paul:

Bevor du verhaftet wurdest: Hast du eine Veränderung in der Sichtweise auf die Zeugen Jehovas in Russland gespürt?

Dennis Christensen antwortete, dass die Polizei zunehmend misstrauisch geworden sei. Beamte seien zu Kongressen und Versammlungen gekommen, hätten das Publikum gefilmt, Autokennzeichen notiert und Journalisten unter Druck gesetzt, negativ zu berichten. Später sei die Literatur verboten und als extremistisch eingestuft worden.

Kirsten Paul:

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass diese Veränderung Auswirkungen auf deine Freiheit haben könnte?

Dennis Christensen erklärte, er habe zwar damit gerechnet, vielleicht nach Dänemark abgeschoben zu werden, aber niemals damit, ins Gefängnis zu kommen.

Kirsten Paul:

Was hat Dich während der langen ungewissen Zeit in der Haft gestützt?

Dennis Christensen sagte, dass es Glaube, Hoffnung und Liebe gewesen seien. Er habe die Gewissheit gehabt, dass Jehova ihn nie verlassen würde. Die Hoffnung, eines Tages als geistiger Sieger aus dem Gefängnis zu kommen, habe ihm Kraft gegeben. Und die Liebe der Brüder und Schwestern, die ihm schrieben, für ihn beteten und ihn unterstützten, habe ihn tief berührt.

Es sei ein täglicher Kampf gewesen um Neutralität zu bewahren. Es sei im Gefängnis leicht sei, die feindselige Haltung anderer zu übernehmen. Er habe jedoch bewusst daran gearbeitet, neutral zu bleiben — in Gedanken, Worten und Handlungen. Das tägliche Gebet und das tägliche Bibellesen haben ihm geholfen an seinen christlichen Eigenschaften zu arbeiten, damit er das Böse nicht mit Bösem beantwortet habe.

Kirsten Paul:

Hat man Dich je aufgefordert, direkte oder indirekte Kompromisse einzugehen um frei zu kommen?

Dennis Christensen bejahte. Man habe ihm angeboten seine Handlungen als Teil einer extremistischen Organisation zu deklarieren, wenn er versprechen würde, nie wieder ein Teil davon zu sein. Dann hätte es keinen Prozess gegeben und er wäre frei gewesen. Er habe dies jedoch abgelehnt, weil es nicht der Wahrheit entsprochen habe.

Kirsten Paul an Irina Christensen:

Während des gesamten Prozesses und der Jahre der Haftzeit von Dennis hattest Du viele Begegnungen mit Menschen, die ein Teil eines unterdrückerischen Systems sind. Was hast Du durch diese Begegnungen über menschliches Verhalten gelernt?

Irina Christensen berichtete, dass sie während des Prozesses und der Haft viele Menschen erlebt habe, die gleichgültig wirktennicht aus Bosheit, sondern weil sie einfach ihren Job machten. Sie habe diese Menschen nie als Feinde betrachtet und ihnen Respekt gezeigt, weshalb einige ihr gegenüber Mitgefühl gezeigt hätten. Sie erzählte, wie ein Mitarbeiter der Untersuchungshaftanstalt ihr regelmäßig früher Zugang verschafft habe, damit sie nicht draußen frieren musste.

Kirsten Paul:

Wie konntest Du Dein seelisches Gleichgewicht bewahren?

Irina Christensen erklärte, dass sie in schwierigen Momenten zu Jehova gebetet und um Frieden und Ruhe im Herzen gebeten habe. Sie habe sich bemüht, anderen zu helfen und auf ihre geistige Gesundheit zu achten. Enge Freunde seien stets an ihrer Seite gewesen, und die vielen Briefe von anderen Zeugen Jehovas hätten ihr Kraft gegeben.

Kirsten Paul an Dennis Christensen:

Dennis, wir sprechen gerade von emotionaler Stärke. Was hat dir emotionale Kraft gegeben?

Dennis Christensen bestätigte, dass auch ihm die zahlreichen Briefe große emotionale und geistige Stärke gegeben hätten. Andere Häftlinge hätten bemerkt, wie er unterstützt wurde, und sich gefragt, warum er trotz der Umstände so glücklich sein könne. Er habe erklärt, dass seine Gedanken längst „draußen“ gewesen seien — und ein Wärter habe ihm gesagt, er sei innerlich immer frei gewesen.

Zum Schluss sagte Dennis Christensen, dass er sich selbst nicht als Helden sehe — ebenso wenig wie die Zeugen, die durch das Denkmal geehrt würden. Das Denkmal erinnere daran, wie leicht man die Vergangenheit vergesse und glaube, Grausamkeiten könnten sich nicht wiederholen. Die Geschichte zeige jedoch das Gegenteil. Das Denkmal solle heutigen und zukünftigen Generationen helfen, sich an diejenigen zu erinnern, die unter Verfolgung treu geblieben seien, und sie darin bestärken, dass man mit Jehovas Hilfe ebenso standhaft bleiben könne.

Erinnerung und Erbe – die Wichtigkeit der Weitergabe an künftige Generationen

Peter Stocker ist Vorstand des Vereins Lila Winkel
Er gehört zur Familie Wohlfahrt. Insgesamt wurden 22 Mitglieder seiner Familie verfolgt, hingerichtet, inhaftiert oder waren sonstigen Repressalien ausgesetzt.

Peter Stocker begann seine Rede mit einem Zitat von Simone Veil, einer französischen Holocaust-Überlebenden. Sie sagte: „Ich mag den Ausdruck Erinnerungspflicht nicht“.

Sie habe dies gesagt, weil eine Verpflichtung das Gedenken zu einem bloßen Formalakt werden lassen könne.

Peter Stocker möchte keine Pflicht haben, sich zu erinnern zu müssen. Er möchte aus Verantwortung heraus gedenken.

Er möchte für die sprechen, die nicht mehr sprechen könnten. Heutige Kinder sollten niemals in einer Welt aufwachsen müssen, in der Schweigen zu einer Überlebensstrategie werde.

Für ihn sei Erinnerung eine Herzensangelegenheit. Es sei ein Brennen, das in einem stecke und einen nicht schweigen lasse. Es habe auch mit Respekt gegenüber den Opfern zu tun.

2019 habe man ihm angeboten an Schulen und Universitäten als Zeitzeuge der zweiten Generation zu sprechen. Anfangs sei er skeptisch gewesen und habe sich gefragt, wie die Reaktionen ausfallen würden. Er habe aber bald gemerkt, dass lebendige Geschichten mehr bewirkten als Zahlen und Fakten.

Eine Familiengeschichte zu erzählen, berühre das Innere der jungen Menschen und der Zuhörenden. Geschichten bekämen Gesichter und würden lebendig.

Hass und Rache seien niemals die richtige Antwort. Denn selbst in den dunkelsten Zeiten hätten Menschen den Mut gezeigt, das Richtige zu tun.

Gedenkarbeit werde von vielen gemeinsam getragen: von den Angehörigen der Opferfamilien, den Religionsgemeinschaften, den Vertreterinnen und Vertretern des öffentlichen Lebens und den Gedenkvereinigungen. Das sei ein starkes Bündnis. Das Mahnmal sei für ihn eine Antwort darauf.

Es bedeute ihm und auch den Familien der Opfer sehr viel und er sage aus tiefsten Herzen „Danke“.

Peter Stocker zitierte das Statement der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zum Thema Erinnern. Es stehe sinnbildlich für die Zuversicht, diesen Weg des Gedenkens zu gehen:

„Das Erinnern hilft neuen Generationen zu erkennen, wie Hassrede und Stigmatisierung – unabhängig von religiösem oder kulturellem Hintergrund – verheerende Folgen haben können, wenn sie nicht hinterfragt werden.“

Es sei wichtig, Geschichte sichtbar zu machen und im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dieses Erinnern fördere die Achtung der Glaubensfreiheit und die Verantwortung füreinander in einer vielfältigen Gesellschaft.

Abschließend erzählte er etwas Persönliches, das die Schwere verdeutlichen solle, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Er sei beruflich oft in Berlin gewesen und sei häufig an der Gedenkstätte der damaligen Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee vorbeigefahren. Dort sei sein Großvater enthauptet worden.

Er sei emotional viele Jahre nicht in der Lage gewesen, diesen Ort zu betreten. Erst durch Recherchearbeiten vor wenigen Jahren habe er zum ersten Mal gemeinsam mit Freunden diesen Ort besuchen und die Hinrichtungskammer betreten können.

Ein Berliner Freund und Kenner der Geschichte habe ihm gezeigt, was Berlin tut, um zu erinnern: Stolpersteine, Gedenktafeln, Hinweistafeln – sie würden zeigen, dass diese Stadt aufmerksam machen möchte auf das, was hier geschehen sei.

Dies habe ihn tief beeindruckt und bewegt. Er habe seinen Frieden mit Berlin gefunden.

Abschließend äußerte er die Bitte, gemeinsam weiter zu erinnern und zu gedenken.

Stelen, Straßen, Stolpersteine – Gedenkzeichen für Zeugen Jehovas

Der Historiker Falk Bersch erforscht und publiziert zu gesellschaftlichen und religiösen Minderheiten in der Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus.

Falk Bersch beschrieb die Entwicklung und den heutigen Stand der Gedenkkultur für die Zeugen Jehovas als Opfer des Nationalsozialismus und – weit weniger sichtbar – der kommunistischen Diktatur. Als erstes machte er auf die neue Webseite Biographien-verfolgter-Zeugen-Jehovas aufmerksam. Ein großes ehrenamtliches Team sei daran beteiligt. Unter ihnen seien viele junge Leute aus Ost und West, auch Nicht-Zeugen Jehovas, die sich mit Einzelschicksalen beschäftigt hätten.

Die neue Webseite diene als Gedenkstätte und ergänze das Mahnmal im Tiergarten. Sie zeige Biographien, Karten zu Wohn- und Verfolgungsorten sowie eine Übersicht existierender Gedenkzeichen.

Bisher seien 73 Tafeln, Stelen und Denkmäler in Deutschland aufgestellt und mindestens 24 weitere im Ausland.

28 Straßen trügen in Deutschland Namen von Zeugen Jehovas; weitere in Österreich, Frankreich und den Niederlanden.

Über 500 Stolpersteine würden europaweit an verfolgte Zeugen Jehovas erinnern.

In Westdeutschland habe es zwischen 1947–1956 nur drei Gedenkzeichen gegeben. Erst ab den 1980er Jahren sei das Interesse an den „vergessenen Opfern“ durch zivilgesellschaftliche Initiativen gewachsen.

In der DDR habe es zwischen 1945-1949 sieben Straßenbenennungen nach Zeugen Jehovas gegeben.

Obwohl 1950 Zeugen Jehovas verboten worden seien und die Aberkennung des Opferstatus erfolgte, würden die Straßennamen zum Ende der DDR noch bestehen.

Auf Gedenksteinen, die nach dem Verbot errichtet wurden, könne man auch Namen von Zeugen Jehovas finden, allerdings erwähne man nicht die religiöse Zugehörigkeit.

Die Veröffentlichung des heutigen Standardwerkes Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“ (1993) von Prof. Dr. Detlef Garbe, habe eine verstärkte Forschung ausgelöst: in der Forschung, in Gedenkstätten und bei den Zeugen Jehovas selbst.

Besonders ab den 2000er Jahren habe es Stolpersteinverlegungen gegeben. Es seien noch viele Verlegungen von Stolpersteinen geplant.

Falk Bersch hatte noch drei Kritikpunkte:

Namen hingerichteter Kriegsdienstverweigerer der Zeugen Jehovas würden teils auf Kriegerdenkmälern erscheinen, wo sie nicht hingehören.

Manche Städte würden es weiterein ablehnen, durch Gedenkzeichen wie Straßennamen oder Stolpersteinen für Zeugen Jehovas zu erinnern.

Bis auf eine Ausnahme würden Gedenkorte für die unter der kommunistischen Diktatur verfolgten Zeugen Jehovas fehlen.

Kammerorchester Terra Nova

Das Kammerorchester Terra Nova spielte abschließend das Stück „Ungebrochen durch die Nacht“ von Jerôme Weiss, der auch selbst dirigierte.

(c) Ingeborg Lüdtke, KI unterstützt

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Fotos: (c) Ingeborg Lüdtke

Vorausschau: Im Herbst 2026 soll ein erweiterter Tagungsband erscheinen.

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Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas

Übergabe an die Öffentlichkeit — 24. Juni 2026, 11:00 Uhr

Am 24. Juli 2026 um 11 Uhr wurde im Berliner Tiergarten in der Nähe des Goldfischteiches das Mahnmal für verfolgte Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit übergeben. Die Einweihungsfeier des Denkmals wurde von Uwe Neumärker, dem Direktor der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ moderiert.

Zeugen Jehovas (Bibelforscher) wurden von den Nationalsozialisten verboten und verfolgt, weil sie nicht den Hitlergruß zeigten, nicht in die NSDAP eintraten und aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerten. Trotz Verbots setzten viele ihre religiöse Tätigkeit fort. Verantwortliche für die Untergrundstätigkeit und ihre Helfer trafen sich heimlich in der Nähe des Goldfischteiches bei dem Liegestuhlverleih eines Zeugen Jehovas. Hier tauschten sie Informationen sowie kopierte Schriften aus und organisierten das Gemeindeleben.

Der Komponist Erich Frost war ebenfalls im Untergrund tätig und aller Wahrscheinlichkeit nach traf er sich auch mit Aktivisten am Goldfischteich.

Die Gestapo plante am 20. August 1936 eine Verhaftungsaktion am Goldfischteich. Die Aktion misslang. Die Verhaftungen fanden danach in verschiedenen Berliner Wohnungen statt.

Kammerorchester Terra Nova

Die Feier der Übergabe des Mahnmales begann passend mit dem Lied von Erich Frost „Fest und entschlossen“, das er im KZ Sachsenhausen komponierte. Es wurde von dem Kammerorchester Terra Nova unter der Leitung von Jerôme Weiss vorgetragen.

Die Musiker saßen auf der überdachten Bühne. Dies ist bei sehr warmen Temperaturen nicht unbedingt von Vorteil für die Musiker und Instrumente.

Trotz dieser Herausforderungen überzeugte das Kammerorchester Terra Nova mit einem hervorragenden Klang. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bedankte sich für die „wunderbare Musik unter freiem Himmel und dafür, mit solchem Ton so professionell hier draußen zu spielen“. Dies sei sehr würdig.

Julia Klöckner, Bundestagspräsidentin

Julia Klöckner verwies darauf, dass sich der Deutsche Bundestag einig war, „dass die als Bibelforscher bekannten Zeugen Jehovas für ihre Verfolgung in der NS-Zeit einen sichtbaren Ort des Gedenkens verdienen“. Sie hätten sich dem Nationalsozialismus in „einer besonderen Geschlossenheit“ verweigert, in dem sie weder den Hitlergruß zeigten noch in die Partei eintraten. Sie hätten nicht gegen andere Opfergruppen wie gegen Juden oder Sinti und Roma sowie Homosexuelle gehetzt. Es gäbe viele Berichte über Hilfeleistungen gegenüber anderen Verfolgten. Exemplarisch sei das Berliner Ehepaar Gumz zu nennen, die die beiden Jüdinnen Ella und Inge Deutschkron eine Zeitlang bei sich versteckten.

Foto (c) Karlo Vegelahn

Das Verbot der Zeugen Jehovas (Bibelforscher) habe zu Razzien, Enteignungen, Haftstrafen, Todesurteilen und Deportationen geführt. Von mehr als 13.000 Zeugen Jehovas aus Deutschland und den besetzten Ländern Europas hätten mindestens 1700 von ihnen nicht überlebt. Einige seien als Kriegsdienstverweigerer hingerichtet worden oder unter den unmenschlichen Bedingungen in Haft gestorben.

Die SS habe sie mit Gewalt versucht zu brechen. Man habe ihnen versprochen, sie zu entlassen, wenn sie ihrem Glauben abschwören würden. Nur wenige hätten den Glauben aufgegeben. Am organisierten Lagerwiderstand hätten sie sich nicht beteiligt. Ihr religiös bedingter Widerstand habe u.a. in heimlichen Bibellesungen bestanden, sowie die Weigerung Einzelner an Appellen teilzunehmen oder Verbandsmaterial für die Soldaten zu rollen. Allerdings hätten sie oft ihre karge Essensration mit anderen geteilt. Julia Klöckner machte deutlich, wofür das Denkmal steht:

„Dieses Denkmal gilt den Menschen, die als damalige Bibelforscherinnen und Bibelforscher, als Zeugen Jehovas, vom nationalsozialistischen Staat verfolgt wurden. Es gilt den Menschen, die bitteres Unrecht erlitten und dennoch immer wieder Menschlichkeit zeigten. Gewidmet ist es ihrem Leiden, ihrem Mut und ihrer Gewissensfestigkeit. Es ist kein Denkmal für eine Institution. Es ist auch keine Verbeugung vor einer Religionsgemeinschaft. Es ist eine Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus. Es ist ein Denkmal für verfolgte Menschen.“

Julia Klöckner, Bundestagspräsidentin

Vorbehalte gegen die Glaubensgemeinschaft habe es auch nach Ende des Nationalsozialismus gegeben. Die DDR habe die staatliche Verfolgung fortgesetzt.

In einigen Ländern wie Russland oder Eritrea würden sie heute noch unterdrückt.

In Deutschland schütze das Grundgesetz die Freiheit des Glaubens, der Weltanschauung und des Gewissens. Es schütze gerade auch Minderheiten, deren Überzeugungen vielen fremd seien. Diktatur und Demokratie unterscheide sich darin, dass sie auch die Freiheit schütze, einer Religionsgemeinschaft nicht anzugehören, sie zu verlassen oder sie zu kritisieren.

Die Demokratie achte die Würde jedes einzelnen Menschen, egal wo er herkomme, was er könne und was er glaube. Die Würde eines jeden Menschen sei unantastbar. Die Demokratie schütze die Freiheit der Überzeugung und die Freiheit anders zu sein. Dieses Denkmal stehe auch dafür, dies nicht zu vergessen.

Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien

Für Wolfram Weimer ist das Mahnmal „ein Mahnmal für Empathie, ein Mahnmal für religiöse Toleranz, ein Mahnmal in Erinnerung an Menschen, die sich vor fast 100 Jahren dem totalitären Anspruch der Nationalsozialisten widersetzt haben, die für ihren Glauben und ihre Überzeugung gelitten haben, die verfolgt und gejagt wurden, die Folter in Konzentrationslagern erlitten, die umgebracht wurden.“

Foto (c) Karlo Vegelahn

Das Mahnmal stehe nicht zufällig in der Nähe des Goldfischteiches, denn hier hätten sich einige Zeugen Jehovas vor 90 Jahren unter dem Deckmantel eines Liegestuhlverleihs getroffen. Sie hätten Informationen ausgetauscht sowie ihren Widerstand organisiert. Hier habe die Gestapo ihre Verhaftungsaktion vollzogen. Daraufhin seien 17 mutige Menschen getötet worden.

Von den über 15.000 Inhaftierten Zeugen Jehovas, seien ca. 4200 in Konzentrationslager gebracht worden. Mindestens 1.750 Häftlinge hätten ihre Leben verloren. Darunter seien fast 300 aufgrund von Kriegsdienstverweigerung hingerichtet worden.

In der DDR sei die Diskriminierung der Zeugen Jehovas fortgesetzt worden und die Religionsgemeinschaft sei ab 1955 verboten worden. Wolfram Weimar stellte viele Fragen:

„Warum haben Ideologen eigentlich Angst vor Gläubigen? Warum zittern Diktatoren ausgerechnet vor Betenden? Warum provoziert das Sanfteste das Brutalste? … Warum haben die Nazis den 29-jährigen August Dickmann, einen Zeugen Jehovas, im KZ Sachsenhausen öffentlich erschossen, nach einer grauenhaften Demütigung, nur weil er keinen Wehrdienst leisten wollte? Warum zwangen sie die 360 ebenfalls inhaftierten Zeugen, in diesem Moment in die vordersten Reihen, um dem Grauen zuzusehen?“

Wolfram Weimar

Sein Fazit lautete:

Weil Menschen, die glauben, etwas haben, was Diktatoren nicht haben: Gewissen. Weil Gewissen am Ende mächtiger ist als Gewehre. Weil Menschen, die glauben, wissen, dass die letzten Dinge nicht von dieser Welt sind und also nicht kontrollierbar sind. Weil Menschen, die glauben, ihrer Moral und ihren Werten folgen und nicht denen der schieren Macht. …“

Auch Wolfram Weimer sprach von der Würde des Menschen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant erinnere uns daran, dass die Würde als Merkmal eines jeden Menschen alle Macht relativiere. Denn die Würde sei unvergänglich, unveräußerlich und im wahrsten Sinne des Wortes unbedingt. Sie stehe deshalb auch am Anfang unseres Grundgesetzes.

Simone Arnold-Liebster per Videostream zu geschaltet

Uwe Neumärker begrüßte die 96-jährige Simone Arnold-Liebster, die per Videostream aus dem Elsass zugeschaltet war. Sie ist eine der Überlebenden der NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas und Mitbegründerin der Arnold-Liebster-Stiftung. Über ihre Verfolgung als Jugendliche und ihren Widerstand gegen die NS-Diktatur beschreibt sie in dem Buch „Allein vor dem Löwen. Ein kleines Mädchen widersteht dem NS-Regime“.

Foto (c) Karlo Vegelahn

Kammerorchester Terra Nova

Zwischenmusik „Romanze“ (von Erich Frost)

Felor Badenberg, Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz des Landes Berlin

Felor Badenberg begann ihre Rede mit Verweis auf die Präambel des Grundgesetzes. Sie beginne mit den Worten „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Die ersten Worte unserer Verfassung seien eine klare Absage an jeden Alleinvertretungsanspruch und zugleich ein Bekenntnis zu einem politisch-demokratischen Pluralismus. Dies sei ein Eingeständnis, dass gegen diese Verantwortung in beispielloser Weise verstoßen wurde.

Für die Zeugen Jehovas sei es keine nachträglich gezogene Lehre aus der Geschichte, sondern sie hätten dies bereits in der NS-Zeit gelebt. Diesen Grundsatz gemäß zu leben, habe zur Verfolgung, Entrechtung und nicht selten zum Tod geführt.

Foto (c) Karlo Vegelahn

Die Haltung der Zeugen Jehovas sei nicht direkt ein Ausdruck einer politischen Überzeugung gewesen, habe aber zu politischen Folgen geführt. Die Weigerung, dem totalitären Staat Folge zu leisten, habe sie in einen unauflösbaren Konflikt mit den nationalsozialistischen Machthabern gebracht. Sie seien mit besonderer Härte verfolgt worden. Tausende seien inhaftiert, in Konzentrationslager verschleppt und ihrer Freiheit beraubt worden. Viele hätten ihre Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlt.

Der Standort des Mahnmals am Goldfischteich bezeuge den mutigen Widerstand. Hier beim Liegestuhlverleih habe man sich einige Jahre konspirativ getroffen, ausgetauscht und organisiert.

Der Betreiber des Stuhlverleihs sei Ernst Varduhn gewesen. Er war Kraftfahrer und aktiv in leitender Funktion bei den Zeugen Jehovas tätig. Die Anonymität des öffentlich zugänglichen Erholungsortes habe Kontaktaufnahmen, den Austausch von Informationen und die Weitergabe vielfältiger Schriften möglich gemacht.

Die intensive Verfolgungswelle habe im August 1936 zur Durchsuchung des Stuhlverleihs und zahlreichen Verhaftungen geführt.

Auch Ernst Varduhn habe zu den Verhafteten gehört. Varduhn sei 1937 von einem Sondergericht verurteilt und als Invalide schließlich aus der Haft entlassen worden. Hildegard Seliger, die gemeinsam mit ihm die Aktivitäten organisierte, sei ebenfalls festgenommen worden. Sie sei in das KZ Lichtenburg und später nach Ravensbrück deportiert worden. Sie habe die Haft und den Todesmarsch überlebt, sei aber in der DDR erneut verfolgt worden.

Als Berlins Justizsenatorin bewege sie das Schicksal von Ernst Vanduhn und Hildegard Seliger auch aus einem weiteren Grund. Viele der Zeugen Jehovas, die sich am Goldfischteich trafen, seien von Gerichten verurteilt worden. Es seien nicht Gerichte von irgendwelchen Orten gewesen, sondern zum Teil an Orten, die heute zur Berliner Justiz gehören würden. Damit ständen sie in ihrer Verantwortung.

Richter und Staatsanwälte hätten das Unrecht des nationalsozialistischen Regimes nicht nur hingenommen, sondern vielfach ermöglicht, legitimiert und durchgesetzt. Daraus erwachse eine bleibende Verpflichtung: Unrecht als Unrecht zu benennen, die Erinnerung an alle Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen wachzuhalten und auch jene sichtbar zu machen, deren Mut lange zu wenig Beachtung gefunden hat.

Dieses Mahnmal gäbe dieser Erinnerung einen festen Platz und verweise zugleich auf den Wert von Gewissens- und Religionsfreiheit. Es mache deutlich, dass die Verantwortung vor Gott und den Menschen, von der das Grundgesetz in seiner Präambel spricht, keine überholte Formel sei. Sie bleibe lebendiger Maßstab für unser Handeln: für die Achtung der Würde jedes Menschen, für religiöse Toleranz, für die Verteidigung von Freiheit und Rechtsstaat und für die Bereitschaft, dort Nein zu sagen, wo Macht beansprucht, keine Grenzen zu kennen.

Das Mahnmal würdige den Mut der Zeugen Jehovas, die ihrem Gewissen treu geblieben seien. Es mahnt uns alle gemeinsam, wachsam zu bleiben gegenüber jedem Anspruch politischer Macht, über dem Gewissen des Einzelnen stehen zu wollen.

Matthias Leeck, Künstler des Mahnmals

Matthias Leeck beschrieb sein inneres Hadern mit der Verantwortung, ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas zu gestalten. Er fragte sich, ob eine Skulptur der unerschütterlichen Haltung der vom Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas überhaupt gerecht werden könne. Weitere Fragen waren: „Wie bändigt man ein Leid in Bronze, das historisch so schwer wiegt? Und wie materialisiert man eine Standhaftigkeit, deren letzte Äußerungen eben nicht von Hoffnungslosigkeit zeugen, sondern von einer ewig bleibenden Überzeugung auf eine bessere Zukunft?“

Erst die Begegnung mit der Zeitzeugin Simone Arnold‑Liebster habe ihm gezeigt, dass das Mahnmal nicht Ohnmacht ausdrücken solle, sondern innere Kraft, Lebensenergie und Überzeugung.

Foto (c) Karlo Vegelahn

Die fünf Meter hohe Bronzeskulptur sei der Ausdruck einer unbeugsamen Haltung, eine aufstrebende Naturform, die an einen Baumstamm oder Säule erinnere und sich harmonisch in den Park einfügen würde. Es sei eine Form, geboren aus Licht, Schatten und Stille. Ihre Oberfläche bestehe aus übereinandergelegten fotografischen Fragmenten aus KZ‑Gedenkstätten, historischen Dokumenten die als Licht‑ und Schattenstrukturen in die Bronze gefräst wurden. So entstehe ein vielschichtiges Erinnerungsbild, das sich erst beim Umschreiten offenbare.

Der Ort sei bewusst offen und naturnah gestaltet. Besucher sollen sich frei bewegen können, die Natur genießen und damit die Freiheit leben, die den Verfolgten einst verwehrt war. Das Ensemble sei noch nicht fertig. Es werde noch Rasen gesät und es sollen noch Pflanzungen von Bäumen, Sträuchern und Blütenpflanzen erfolgen, sowie eine Informationstafel aufgestellt werden, und solle ein lebendiger Gedenkraum werden.

Matthias Leeck wünscht sich, dass dieses Mahnmal ein Ort werde, der an die Unbeugsamkeit des menschlichen Gewissens erinnere. Diejenigen, an die wir heute erinnern würden, hätten unter den extremsten Bedingungen des Terrors bewiesen, dass die innere Freiheit eines Menschen unantastbar bleiben könne, selbst wenn der Körper gefangen sei. Ihr Nein zum Regime sei eine zutiefst persönliche, eine stille Entscheidung gewesen, getragen von einem unerschütterlichen Glauben und einer Haltung, die sich durch keine Drohung korrumpieren ließ.

Sie hätten uns gezeigt, dass Widerstand im Kleinen beginne: im Bei-sich-Bleiben, im Festhalten an den eigenen Werten in Zeiten tiefster Dunkelheit. Indem sie auch anderen Verfolgten, Jüdinnen und Juden, Andersdenkenden und Ausgegrenzten die Hand gereicht, Schutz geboten, das wenige geteilt hätten, das sie hatten, und sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens versteckt hätten.

Dieser Gedenkort solle nicht nur als Mahnung, sondern als einen Raum der inneren Einkehr begriffen werden. Die Würde jedes Einzelnen, die Toleranz im Miteinander und die Freiheit des Gewissens seien keine Abstraktionen der Geschichte. Sie seien das Fundament unserer Menschlichkeit.

Sie zu schützen, im Großen wie im Kleinen, sei unser aller bleibende Verantwortung.

Clara-Denise Dörner, Urenkelin des verfolgten Bruno Seide

Clara-Denise Dörner berichtete über ihren Uropa Bruno Seide, der 1899 in Sopot bei Posen geboren wurde. Er arbeitete als Bergmann. Seine Frau Else und er bekamen im Januar 1926 eine kleine Tochter namens Else (junior). Sie wurde die Oma von Clara-Denise Dörner.

Foto (links) (c) Karlo Vegelahn

Uropa Bruno Seide und seine Frau Else verweigerten sich dem Regime. Sie weigerten sich mit „Heil Hitler“ zu grüßen und behandelten ihre jüdischen Nachbarn weiterhin als Mitmenschen. Ihr Glaube war ihnen sehr wichtig.

Bruno Seide wurde 1935 das erste Mal in Essen für zwei Monate inhaftiert. Weil er nicht gewählt hatte, wurde er 1936 fristlos entlassen und musste mit seiner Familie von der Werkswohnung in eine Notunterkunft ziehen.

Er wurde in demselben Jahr erneut verhaftet. Eine weitere Verhaftung erfolgte 1937. Er wurde zur einem Jahr Gefängnis verurteilt und verbüßte die Strafe in Schwelm. Else Seide musste nun für sich und ihre Kinder sorgen. Trotzdem gab sie ihren Glauben nicht auf. Sie verdiente sich etwas dazu, indem sie Kleider für Bekannte und Verwandte nähte. Ihre Nachbarn und Glaubensgeschwister unterstützten die vaterlose Familie.

Bruno Seide hätte am Ende der Haftzeit freikommen können. Die Bedingung war, dass er eine Verpflichtungserklärung unterschreiben sollte, die besagte, dass er seinen Glauben als Zeuge Jehovas aufgeben würde. Dies konnte er nicht mit seinem Glauben und Gewissen vereinbaren. Aufgrund seiner Weigerung kam er in das KZ Sachsenhausen und später nach Neuengamme. Dort starb er am 27. März 1940. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Bruno Seides Tochter Else verweigerte in der Schule den Hitlergruß und wurde deshalb geohrfeigt. Sie trat dem Bund Deutscher Mädel nicht bei und durfte deshalb keine Lehre machen. Sie leistete stattdessen ein Pflichtjahr bei einem Bauern ab und arbeitete danach in der Gastronomie.

Tochter Else wurde nach dem Krieg eine Zeugin Jehovas und blieb dies bis zu ihrem Tod 1979.

Sie redete wenig über ihre Erlebnisse während der NS-Zeit.

Clara-Denise Dörner ist von der Standhaftigkeit ihrer Familie in der NS-Zeit beeindruckt, auch für ihre Bereitschaft für ihre Glaubensüberzeugung einen hohen Preis zu zahlen.

Julius Glaser, Urenkel des verfolgten Wilhelm Ruhnau

Julius Glaser berichtete über seinen Ur-Ur-Opa Wilhelm Ruhnau, der 1897 in Sopot geboren wurde. Er und sein Vater Friedrich verweigerten bereits im Ersten Weltkrieg den Dienst an der Waffe. Wilhelm Ruhnau lebte mit seiner Frau Maria gemeinsam mit seinem drei Töchtern in Danzig. Edith, eine der Töchter, war die Uroma von Julius Glaser.

Jehovas Zeugen wurden 1935 in Danzig verboten, deshalb wandte sich Wilhelm Ruhnau mit einer Petition an den Völkerbund, das Verbot rückgängig zu machen. Dadurch war der Gestapo von Anfang an bekannt, dass er ein Zeuge Jehovas war.

Foto (rechts) (c) Karlo Vegelahn

Wilhelm Ruhnau war nach dem Verbot als Bezirksdienstleiter für die Zeugen Jehovas in ganz Deutschland tätigt, auch am Goldfischteich im Berliner Tiergarten.

Er entschied sich nicht mehr nach Hause zu kommen, um seine Familie nicht in Gefahr zu bringen.

Bei einem heimlichen Treffen im Wald mit seiner Frau Maria im September 1936 wurde er verhaftet. Eine Nachbarin hatte ihn an die Gestapo verraten. Er wurde in das Polizeigefängnis Marienburg gebracht.

Das letzte Lebenszeichen erhielt seine Frau Maria im Dezember 1936 in Form eines kurzen Briefes ohne Angabe seines Aufenthaltsortes.

Die Glaubensgeschwister von Wilhelm Ruhnau suchten nach ihm und wandten sich an den Völkerbund. In der Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter“(heute Erwachet), sowie in einem Flugblatt (1937, dem „Offenen Brief“) und 1938 in dem Buch „Kreuzzug gegen das Christentum“ wurde über ihn berichtet. Wie sich später herausstellte, lebte Wilhelm Ruhnau da schon nicht mehr. Man hatte ihn erschlagen.

Wilhelm Ruhnaus Frau Maria floh zwischenzeitlich mit ihren Töchtern nach Polen. Dort konnte sie einige Jahre bleiben. Später kam sie in das Konzentrationslager Ravensbrück und kümmerte sich als Kindergärtnerin zuerst um die Kinder des Lagerkommandanten. Später betreute sie eine als Geisel festgehaltene Prinzessin. Diese starb in Ravensbrück in ihren Armen.

Maria Ruhnau kam 1945 frei. Sie zog mit ihren Töchtern nach Fallersleben. Unter ihnen befand sich Tochter Edith, die Uroma von Julius Glaser.

Edith heiratete und bekam sechs Kinder. Eines der Kinder war David, der Opa von Julius Glaser.

David setze die Familientradition der Kriegsdienstverweigerung fort, genau wie sein Uropa Friedrich und sein Opa Wilhelm.

Auch Julius Glaser wurde durch die Geschichte seines Ur-Ur-Opas Wilhelm Ruhnau – von dem Mut und der Entschlossenheit, seinem Gewissen zu folgen – veranlasst, sich weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen.

Kammerorchester Terra Nova

Zum Abschluss spielte das Kammerorchester Terra Nova das Stück „Ungebrochen durch die Nacht“ unter der Leitung von Jerôme Weiss, der dies selbst komponiert hat.

Uwe Neumärker, Schlusswort

 
Uwe Neumärker bedankte sich bei allen Beteiligten und Helfern und wünschte einen guten Heimweg.

Déjà vu

Die Veranstaltung war sehr würdig und verlief ohne Zwischenfälle.

Weniger würdig waren manche Kommentare in den sozialen Netzwerken sowie zwei Gastbeiträge in der FAZ und dem SPIEGEL. Während die bekannten Fernsehsender zwar im Vorfeld über das Mahnmal für die Opfergruppe der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit berichteten, gab es keinen Bericht über die eigentliche Veranstaltung mit den mahnenden Worten der Politiker*innen. Lediglich rb24 (Online Video Nachrichtenformat des RBB) brachte einen einminütigen Online-Videobeitrag, der aber von anfänglich sachlicher Berichterstattung in einen Haltungsbeitrag umschlug. Durch das Interview mit einem Aussteiger wurde der Fokus vom NS-Gedenken weg hin zu heutiger Religionskritik verschoben.

Diese Art der Berichterstattung erinnert sehr stark an die äußerst negative und diffamierende Berichterstattung und Kommentierung Ende der 1990er Jahre, als Zeugen Jehovas mit ihrer Verfolgungsgeschichte in Form einer Wanderausstellung „Standhaft trotz Verfolgung“ an die Öffentlichkeit gingen. Allein im Göttinger Tageblatt gab es während der vierwöchigen Ausstellung mit Rahmenprogramm Stellungnahmen von dem damaligen evangelischen Sektenbeaufftragten (Beauftragter für Religions- und Weltanschauungsfragen) sowieso viele widersprüchliche Leserbriefe.

Wer heute fast 30 Jahre nach Beginn der Aufarbeitung immer noch die Regionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas als „Sekte“ bezeichnet, übersieht, dass die von der Bundesrepublik Deutschland eingesetzte Enquete‑Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ 1998 bereits im Endbericht ausdrücklich empfohlen hat, den Begriff „Sekte“ nicht mehr zu verwenden und stattdessen eine neutralere, wissenschaftlich präzisere Formulierung zu nutzen. Die Kommission schlägt auf den Seiten 35–42 des Endberichts vor, den Begriff Sekte durch die Formulierung „Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen“ zu ersetzen.

Dieser Begriff kann aber auf die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas nicht mehr angewandt werden. Zeugen Jehovas sind seit 2017 rechtlich in allen deutschen Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts vom Staat anerkannt. Sie sind somit den großen Kirchen in Deutschland gleichgestellt.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Artikel 4 
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
Artikel 1 
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(c) Ingeborg Lüdtke

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Geschichte der Wehrdienstverweigerung (2026)

Sprecherin:

„Die Bundeswehr war früher eine Armee zur Landes- und Bündnisverteidigung. Nach dem Kalten Krieg entwickelte sie sich zur Einsatzarmee mit weltweiten Einsätzen. Heute, im Zeichen der sicherheitspolitischen Zeitenwende, rückt die Landes- und Bündnisverteidigung wieder in den Mittelpunkt.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, seit wann man in Deutschland den Wehrdienst verweigern kann?

In der folgenden Sendung möchte ich einen kurzen Überblick über die Geschichte der Wehrdienstverweigerung in der Neuzeit geben. Unter anderem habe ich auch einige Wehrdienstverweigerer über ihre Motive und Strafen befragt.

(Musikakzent)

Im Deutschen Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. gab es zwar die Wehrpflicht, aber kein Recht auf Wehrdienstverweigerung.

Im Kaiserreich wurde versucht, Pazifisten zu kriminalisieren. Ein bekanntes Beispiel ist Rosa Luxemburg, die spätere Mitbegründerin der KPD. Noch als SPD-Mitglied hatte sie am 24. September 1913 in Frankfurt über das Thema „Gegen Militarismus und imperialistischen Krieg“ gesprochen. Rosa Luxemburg wurde angeklagt, zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit aufgewiegelt zu haben. Aufgrund einer Falschaussage wurde sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

(Musikakzent)

Sprecherin:

In der Weimarer Republik gab es keine Wehrpflicht. Durch den Versailler Vertrag war Deutschland auf ein Berufssoldatenheer von 100.000 Mann beschränkt worden.

In der Weimarer Republik gab es zahlreiche demokratie- und friedensbedrohende geheime Militärorganisationen, auch „schwarze Reichswehr“ genannt.

Diese gesetzlich verbotene geheime „schwarze Reichswehr“ war nicht vom Staat organisiert. Sie wurde aber von der Regierung nicht nur geduldet, sondern auch indirekt gefördert.

Journalisten, die über die „schwarze Reichswehr“ schrieben, wurden als Landesverräter angeklagt.

Der Pazifist Prof. Ludwig Quidde deckte 1924 in einem Presseartikel die Existenz der „schwarzen Reichswehr“ auf. Er wurde verhaftet, entging aber knapp einer Verurteilung.

Auch der Publizist Carl von Ossietzky wurde u. a. wegen Beleidigung des Militärs angeklagt. Er hatte unter eine Glosse von Kurt Tucholsky u.a. noch den Text geschrieben: „Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.

Carl von Ossietzky wurde freigesprochen.

Später kam er ins Gefängnis, weil er über den geheimen Aufbau der Luftwaffe berichtet hatte.

(Musik: Katja Ebstein: Sag mir wo die Blumen sind)

Sprecherin:

(Bild: Public domain, Openclipart)

Am 16. März 1935 kündigte Hitler an, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen.

Der Erlass des Wehrgesetzes vom 21. Mai 1935 bestimmte, dass „jeder deutsche Mann“ zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr Wehrpflicht zu leisten habe.

Paragraph 69 des Militärstrafgesetzbuches lautet:

Absatz 1: Wer in der Absicht, sich der Verpflichtung zum Dienste in der Wehrmacht dauernd zu entziehen oder die Auflösung des Dienstverhältnisses zu erreichen, seine Truppe oder Dienststelle verlässt oder ihnen fernbleibt, wird wegen Fahnenflucht bestraft.

Absatz 2: Der Fahnenflucht steht es gleich, wenn der Täter in der Absicht seine Truppe oder Dienststelle verlässt oder ihnen fernbleibt, sich für die Dauer eines Krieges, kriegerischer Unternehmungen oder innerer Unruhen den Verpflichtungen zum Dienste in der Wehrmacht überhaupt oder in den mobilen Teilen der Wehrmacht zu entziehen.“

Sprecherin:

Mit Beginn des 2. Weltkrieges trat die Kriegssonderstrafrechtsverordnung vom 17. August 1938 in Kraft.

Der Paragraph 5, über die Zersetzung der Wehrkraft lautet:

Absatz 1 Wegen Zersetzung der Wehrkraft wird zum Tode bestraft:

1. wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder verbündeten Wehrmacht zu verweigern, oder sonst öffentlich den Willen des deutschen oder verbündeten Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht;

2. wer es unternimmt einem Soldaten oder Wehrpflichtigen des Beurlaubtenstandes zum Ungehorsam, zur Widersetzung oder zur Tätlichkeit gegen einen Vorgesetzten oder zur Fahnenflucht oder unerlaubten Entfernung zu verleiten oder sonst die Manneszucht in der deutschen oder verbündeten Wehrmacht zu untergraben;

(Musikakzent)

Sprecherin:

In dem Film „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg (verstorben 4.10.2025) berichten die beiden Zeugen Jehovas Josef Rehwald und Richard Rudolph von der ersten Erschießung eines Wehrdienstverweigerers:

Lagerkommandant Baranowski bat seinen obersten Vorgesetzten Himmler, um Erlaubnis ein Exempel statuieren zu dürfen, um den Widerstand der Zeugen Jehovas zu brechen. Es war der 15. September 1939. Wenige Tage nach dem Überfall deutscher Truppen auf Polen, als die Außenkommandos früher als üblich ins Lager zurückkehren mussten:

(Richard Rudolph: O-Ton) ’Nun ordnete der Vierkant, der Lagerkommandant Baranowski an, dass der Schutzhäftling August Dickmann vorgeführt werden soll. Wir wunderten uns schon. Bruder August Dickmann war schon 3 Tage im Arrest. Nun ahnten wir, dass hier etwas besonders im Gange sei’.

(Josef Rehwald: O-Ton): ‘Eines Tages musste das ganze Lager (hier) aufmarschieren …Vor uns war eine große Kugelwand aufgebaut worden, rechts von uns standen 7 SS Leute, ein Erschießungskommando und ein SS Offizier im Range eines Sturmbannführers also mit 4 Sternen. Dann plötzlich kam ein SS Mann zwischen den Baracken hindurch und führte August Dickmann vor und er musste sich dann vor diese Kugelwand platzieren und zwar mit dem Gesicht zur Kugelwand.’

(Richard Rudolph: O-Ton): ‘Und ihm wurde dann vorgelesen, dass er ein Feigling sei, dass er sich weigere für das deutsche Vaterland zu kämpfen und dass er als Feigling standrechtlich erschossen werden soll. Und nun wurde er noch gefragt: ‘Halten Sie Ihre Aussage aufrecht?’ Und er sagte: ’Jawohl.’

(Josef Rehwald: O-Ton): Dann gab der SS-Offizier den Schließbefehl (Schüsse) und August Dickmann fiel dann rückwärts um. Der zog dann noch seinen Revolver, der Offizier und schoss ihm wohl in Kopf, also den sogenannten Fangschuss geben. (Schuss) ‘

(Musikakzent)

Sprecherin:

Im Gegensatz zu August Dickmann, der ohne Verfahren auf Anordnung des Reichsführers Himmler hingerichtet wurde, wurden viele Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung zum Tode verurteilt.

Einer von ihnen war Horst Schmidt.

In seiner Biographie „Der Tod kam immer montags“, die im Klartext-Verlag erscheint, beschreibt Horst Schmidt die Gerichtsverhandlung vom 30. November 1944:

(Musikakzent)

Sprecherin:

„Dann begann der Staatsanwalt mit seiner Anklagerede. Dass wir Landesverräter seien, dass wir das Deutsche Reich geschädigt haben und darum mit Recht den Tod verdienen würde, so sagte er. Dann begann die Vernehmung, die aber keine war. Es wurde keinem von uns Gelegenheit zur Verteidigung gegeben. Setzte man zur Verteidigung zur Erklärung…an, wurde man mit dem Satz niedergeknüppelt: “Sie lügen ja schon wieder…“

Geärgert habe ich mich über meinen Pflichtverteidiger … Er sagte nämlich, dass es für mein Handeln keine Rechtfertigung geben könne, er möchte aber sagen, dass mein Handeln nur im Sinne des Paragraphen 51 Absatz 2 gesehen werden könne. Das heißt, dass ich zwar nicht verrückt, aber doch religiösen Wahn erlegen sei. … Wenn ich so darüber nachdenke, hat die ganze Verhandlung 30 Minuten gedauert … In dieser kurzen Zeit wurden 11 Angeklagte verurteilt. Fünf zum Tode, wozu ich auch zählte.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

In dem Film „Fürchtet Euch nicht“ berichtet Horst Schmidt über seinen Aufenthalt im Zuchthaus Brandenburg:

„Ich kam dann auf die Vollstreckungsstation … Wie viele Personen da untergebracht waren, das weiß ich nicht. Ich schätze, dass es ungefähr hundert gewesen sind. Un(d), na ja es fällt einem schwer über die Dinge zu reden. Einmal in der Woche war dann der sogenannte Hinrichtungstag. Und dann konnte man hören, wie die Zellen geschlossen wurden, aufgeschlossen, zugeschlossen. Man wartete von Woche zu Woche und wusste nicht, wann bist Du an der Reihe.“

Sprecherin:

Horst Schmidt berichtet weiter:

„Dann ging also bei uns die Zellentür auf, und wir standen wie es so üblich war unter dem Fenster, das heißt der Tür gegenüber. Dann wurde der Name des Franzosen aufgerufen und dann kam die Frage: ‘Sind Sie Brillenträger? ’und dann das Wort „Raustreten“. Dann wussten wir natürlich was los war. Dann wurde der Name des Polen aufgerufen und die ganze Zeremonie wiederholte sich noch und nun auch austreten und ich blieb alleine stehen. Und ich dachte: ’ Naja, jetzt bis Du dran.’ Und der Wachtmeister kuckte auf seinen Zettel, kuckte mich wieder an und dann ging die Tür wieder zu. Und … also ich kann nicht schildern, wie mir damals zumute war … vielleicht, dass es sich jeder persönlich vorstellt.”

(Musikakzent)

Sprecherin:

Im ersten Jahr des Krieges gab es 117 Todesurteile wegen Wehrdienstverweigerung. Die meisten Todesurteile wurden gegen Zeugen Jehovas verhängt.

Auch in den weiteren Kriegsjahren gab es Todesurteile. Auch diese Todesurteile ergingen nicht alle an Zeugen Jehovas.

Todesurteile wurden u.a. erteilt aufgrund von offener Wehrdienstverweigerung, Fahnenflucht, Wehrdienstentziehung oder Selbstzerstümmelung.

Ein Todesurteil betraf den Buchhalter Marzell Schweitzer aus Straßburg. Seine Eltern hatten aufgrund des Versailler Vertrages die französische Staatsangehörigkeit angenommen. Marzell Schweitzer diente erst in der französischen Wehrmacht. Er nahm nicht aktiv am Krieg teil. Er bekam die deutsche Staatsangehörigkeit verordnet und wurde in die deutsche Wehrmacht einberufen.

Aus Gewissensgründen verweigerte er den Wehrdienst. Marzell Schweitzer gehörte weder einer pazifistischen Vereinigung noch einer religiösen Sekte an.

In dem Urteil vom 5. Oktober 1943 heißt es auszugsweise:

„Der Angeklagte verharrte hartnäckig auf seinem ablehnenden Standpunkt … Er verstößt aufs schwerste gegen die ihm seinem Volke gegenüberliegende Treuepflicht und verdient keine Milde …“ (Sprecher: Matthias Schneider-Dominco)

(Musikakzent)

Sprecherin:

In der Kriegssonderstrafrechtsverordnung Paragraph 5, Absatz 3 über die Zersetzung der Wehrkraft heißt es:

„Wer es unternimmt, sich oder einem anderen durch Selbstverstümmelung, durch ein auf Täuschung berechnetes Mittel oder auf andere Weise des Wehrdienstes ganz, teilweise oder zeitweise zu entziehen.

(2) In minder schweren Fällen kann auf Zuchthaus oder Gefängnis erkannt werden.

(3) Neben der Todes- und der Zuchthausstrafe ist die Einziehung des Vermögens zulässig.“

(Sprecher: Matthias Schneider-Dominco)

Der ehemalige Oberlandesrichter Dr. Helmut Kramer findet den Umgang mit Selbstverstümmlern besonders entsetzlich:

„Es konnte an der Front geschehen, wenn man im Schützengraben lag, dass sich ein Soldat einen Schuss in die Hand in den Arm oder ins Bein beibrachte, Selbstverstümmelung durch Medikamente vornahm oder sich künstlich blind machte. Solche Soldaten wurden dann zum Tode verurteilt. In Braunschweig gab es eine Baracke, in der die Selbstverstümmler gesund gepflegt wurden, weil die Vollstreckung des Urteiles erst erfolgen durfte, wenn sie wieder gesund waren.“

(Musik: Pur, Kein Krieg)

Sprecherin:

Nur in wenigen Fällen wurden Kriegsdienstverweigerungsfälle als NS-Verfolgungs- oder Gewaltmaßnahmen gewertet.

In dem Wiedergutmachungsfall von Herbert Steinadler fällte der Bundesgerichtshof am 24. Juni 1964 aus heutiger Sicht ein fragwürdiges Urteil.

Der Zeuge Jehovas Herbert Steinadler wurde am 19. September 1939 zum Tode verurteilt.

Dieses Urteil wurde in eine 10 jährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Diese Strafe saß er in einem Strafgefangenenlager in Esterwegen ab.

Nach 1945 wohnte er in der sowjetischen Besatzungszone und war von 1950 bis 1960 wegen seiner Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas inhaftiert. Von 1961 bis zu seinem Tod lebte er in Hamburg.

1962 wurde sein Antrag auf Wiedergutmachung mit der Begründung abgelehnt, die Haft wegen seiner Wehrdienstverweigerung sei keine NS-Verfolgungsmaßnahme.

Herbert Steinadler klagte gegen dieses Urteil.

Nach seinem Tod bestätigte 1964 der Bundesgerichtshof das Urteil.

In der Begründung heißt es auszugsweise:

„Es gibt sicherlich keinen Staat, der jedem seiner Bürger das Recht zuspricht zu entscheiden, ob der Krieg ein gerechter oder ein ungerechter ist und demgemäß seiner staatsbürgerlichen Pflicht, Wehrdienst zu leisten, zu genügen oder ihre Erfüllung zu verweigern. Würde der Staat jedem Bürger das Recht zubilligen, so würde er sich selbst damit aufgeben. Denn die Frage, ob ein Krieg ein gerechter oder ungerechter Krieg ist, kann dem einzelnen Bürger nicht zur Entscheidung überlassen werden …“ (Sprecher: Matthias Schneider-Dominco)

(Musikakzent)

„Der vom NS-Staat geführte Krieg war ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Dadurch.. . hat er ein Verbrechen im Sinne des Völkerrechts begangen. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass der einzelne ein Verbrechen begangen hat, weil er am Krieg teilnahm. (Sprecher: Matthias Schneider-Dominco)

(Musikakzent)

Sprecherin:

Das Gesetz zur Aufhebung der NS-Unrechtsurteile trat im August 1998 in Kraft.

Alle Urteile wurden aufgehoben, „die unter Verstoß gegen elementare Gedanken der Gerechtigkeit nach dem 30. Januar 1933 zur Durchsetzung oder Aufrechterhaltung des NS- Unrechtsregimes aus politischen, militärischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen ergangen sind.“

Hierunter fielen auch Urteile aufgrund von Wehrdienstverweigerung und Wehrkraftzersetzung.

Seit dem 28. Mai 2002 sind auch Deserteure eingeschlossen.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Nach 1945 gab es in Deutschland zunächst keine Wehrpflicht. Es gab auch in den ersten Jahren der Bundesrepublik laut Helmut Kramer:

„ … zunächst keine Wehrpflicht. Es gab überhaupt keine deutsche Armee. Nach dem Grundgesetz war dies gar nicht vorgesehen. Es war kein Heer vorgesehen … und damit natürlich auch keine Wehrpflicht. Und damit war die Frage der Wehrdienstverweigerung gegenstandslos. Erst im Zuge der Adenauerpolitik entstand die Wiederaufrüstungsfrage; und es kam dazu, dass eine Bundeswehr beschlossen wurde.“

Sprecherin:

(Bild: Public domain, Openclipart)

Die Wiederaufrüstung stand laut Helmut Kramer, im engen Zusammenhang damit, dass man die an den Massenmorden in Polen und in der Sowjetunion beteiligten Wehrmachts- u. SS-Generäle straflos stellte.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Das Recht auf Wehrdienstverweigerung wurde eingeführt. Hierzu Robert Reichel im November 2000 während des Seminars „Repression und Selbstbehauptung“ an der Universität in Heidelberg:

„Nach den Erfahrungen mit dem Umgang mit Kriegsdienstverweigerern im Nationalsozialismus, besonders der zahlreichen Todesurteile nach Kriegsbeginn, hatte der Parlamentarische Rat in den Westzonen das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz festgeschrieben.

Da heißt im Artikel 4 Absatz 3: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden, das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Peter Dürrbeck verweigerte den Wehrdienst. Warum hat er verweigert?

Erstens meine Eltern waren Kriegsgegner. Mein Vater war sogar in der Nazi-Zeit in einer Strafkompanie, weil er ein Nazigegner war und ist 1948 aus der Kriegsgefangenschaft wiedergekommen und war sehr emotional, auch (ein) sehr starker Kriegsgegner, obwohl meine Eltern keine Pazifisten waren. Ich habe dann aus einem zweiten Grund verweigert. Und zwar wurde die Bundeswehr mit ehemaligen Generalstäblern der Naziarmee aufgebaut. Das heißt die ersten Generale im Amt Blank, waren ja alles Generale im Generalstab der Hitler-Wehrmacht. Und das war für mich ein Grund, den Wehrdienst zu verweigern. Ich bin dann vor eine Kommission vorgeladen worden, man machte ja noch eine Gewissensprüfung. Ich habe dort zunächst einmal meinen Grund dafür gesagt, dass ich verweigern will und dann kamen schon die Fragen: ‘Aber stellen Sie sich vor, ein Russe steht mit dem Maschinengewähr vor Ihrer Mutter und Ihrer Schwester und will sie angreifen.` Und dann habe ich politisch argumentiert, dass in zwei Weltkriegen Deutsche die Russen überfallen haben und damit war das eigentliche Gespräch schon beendet. Ich habe dann noch über meine Eltern erzählt, über die Verfolgung in der Nazizeit, aber das Gespräch war zu Ende. Dieses Gewissenverfahren endete damit, dass der Ausschuss dann beschlossen hat, dass ich nicht Wehrdienstverweigerer sein darf und politische Gründe nicht zählen, um den Wehrdienst zu verweigern. Ich habe dann Widerspruch eingelegt und bin beim 2. Mal mit den gleichen Fragen konfrontiert worden. Ich habe im Grunde genommen die gleichen Antworten gegeben. Das lief beim 2.Mal wie bei der ersten Prüfung, bin wieder nicht anerkannt worden als Wehrdienstverweigerer, weil ich wiederum politisch argumentiert habe und das wurde nicht als Gewissensgrund anerkannt. Ich habe dann anschließend beim Verwaltungsgericht Klage erhoben, die ich nach einiger Zeit zurückgezogen habe, weil ich der Auffassung war, doch zur Bundeswehr gehen zu wollen, um dort politisch zu argumentieren. Daraufhin bin ich aber nicht eingezogen worden, sondern man hat mir gesagt, ich müsse mich freiwillig melden, wenn ich dann zur Bundeswehr wollte. Das habe ich nicht getan. Ja, 2-3 Jahre später habe ich eine Verurteilung bekommen, weil ich gegen das KPD-Verbot zu widergehandelt habe. Ich bin zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden und dann war sowieso für mich das Verfahren insgesamt aus, denn da wurde ich nicht mehr zur Bundeswehr vorgeladen, denn damit war ich ja so belastet, dass die Bundeswehr mich nicht haben wollte.”

Sprecherin:

Peter Dürrbeck fügt noch hinzu:

“Obwohl ich dazu sagen muss, ich habe Wehrdienstverweigerung mit sehr zwiespältigen Gefühlen betrieben. Ich war nicht generell ein Wehrdienstverweigerer, sondern ich war gegen diese Bundeswehr eingestellt. Das muss ich dazu sagen, auch aus politischen Gründen. Ich wäre auch hingegangen und hätte versucht innerhalb der Bundeswehr beim politischen Unterricht und so weiter politisch zu argumentieren. Wie das ausgegangen wäre, kann ich schlecht sagen.”

(Musikakzent)

Sprecherin:

Robert Reichel erwähnt warum das Recht auf Wehrdienstverweigerung eingeführt wurde:

„Die SPD-Fraktion des Parlamentarischen Rates hatte damals diese Formulierung in den Artikel 4, der die Glaubens -und Gewissensfreiheit beinhaltet, eingebracht. Der Zusatzantrag, ich zitiere, hatte gerade zum Inhalt „dass Menschen, wir haben dabei an die Menoniten, die Zeugen Jehovas und Mitglieder anderer Sekten gedacht, aufgrund ihrer religiösen Überzeugung und ihres Gewissen keinen Kriegsdienst mit der Waffe machen wollen.

Das Wehrpflichtgesetz von 1956 sah nun vor, dass Kriegsdienstverweigerer zu einem zivilen Ersatzdienst herangerufen werden sollen.“

Sprecherin:

Werner Fischer verweigerte als Zeuge Jehovas auch den zivilen Ersatzdienst. Er berichtet:

“Ich wurde zweimal inhaftiert: 1964 war ich 2 Monate in Hannover und 1966 war ich 4 Monate in Wolfenbüttel. Nachdem ich zweimal in Northeim beim Amtsgericht verurteilt worden bin und die Bewährung 1966 in Göttingen (bei mir) zu nichts geführt hatte, gab es (für mich) keine Erleichterung.“

Sprecherin:

Die Reaktionen der Richter auf seine Totalverweigerung waren unterschiedlich.

Vor seiner ersten Verurteilung hatte er ein privates Gespräch mit dem Untersuchungsrichter.

Werner Fischer:

Er machte mir dort deutlich, dass als er…, schon während der Nazizeit gemerkt hat, dass dort die Zeugen natürlich empfindlicher bestraft wurden als heute. Ihm war es auch nicht recht, dass man jetzt die Zeugen Jehovas wieder verurteilen musste und deshalb wollte er mich praktisch damit trösten, dass ich mit einer geringen Strafe zu rechen hätte. Aber er könne nicht dagegen an, da man zur damaligen Zeit überall die Zeugen Jehovas in dieser Weise bestrafte…

Bei der Berufungsverhandlung in Göttingen war ein älterer Richter. Es war seine letzte Verhandlung. Er war nun ganz und gar nicht damit einverstanden, dass das Gericht in Northeim, da es nun schon eine Wiederholungstat war, ein Strafmaß von nur 4 Monaten ansetzte. Er machte deutlich, dass wenn er könnte – das sei nun aber rechtlich nicht möglich – er mich gerne noch eine längere Zeit absitzen lassen würde.“

Sprecherin:

Werner Fischer wurde am 19. Mai 1967 ein 3. Mal einberufen. Der Einberufungsbefehl erreichte ihn in der Universitätsklinik in Göttingen. Er befand sich dort wegen einer Hautkrankheit.

Er beantragte eine neue Musterung durch einen unabhängigen Arzt.

Am 19. Juli 1967 teilte ihm das Bundesverwaltungsamt mit, dass er zum Tauglichkeitsgrad B erklärt worden sei.

Am 21. Dezember 1967 wurde er vorzeitig aus dem Zivildienst entlassen, obwohl er den Zivildienst nie angetreten hat.

(Musikakzent)

Auch Johannes Zabel war Totalverweigerer.

Warum verweigerte er auch den Ersatzdienst?

Johannes Zabel:

„Ja, das hatte damals bei mir mehrere Gründe. Und zwar habe ich mich seiner Zeit auch intensiv mit dem ganzen Gesetz befasst. Ein Punkt, der mir aufstieß war, dass der Ersatzdienstleistende in der damaligen Rechtslage durch Gesetz verpflichtet war, Befehlen zu gehorchen, die den Einsatz von Leben und Gesundheit forderten. Das steht ganz klar in dem alten Gesetzestext, der sich auch mit der Wiedergutmachung von Schäden befasst, die bei der Ausführung von solchen Befehlen entstanden wären oder entstehen könnten. Als Christ fühle ich mich natürlich auch an das gebunden, was Jesus Christus gesagt hat: „Wir sollen dem Kaiser geben, was dem Kaiser gehört und wir sollen Gott geben, was Gott gehört, gemäß Markus 12:17, und ich habe damals vor Gericht gesagt, dass dieser Anspruch des Staates auf Leben und Gesundheit der Bürger zu weit geht. Der Staat gibt uns Leben und Gesundheit eben nicht, sondern das sind Gaben Gottes. Also hat der Staat auch keine Verfügungsgewalt darüber, und wenn er sie beansprucht, dann ist dieser Anspruch nicht rechtmäßig. Ich kann diesen Anspruch als Christ jedenfalls nicht akzeptieren. Und der andere Grund für die Verweigerung lag darin, dass ich damals ein sogenannter Vollzeitprediger war. Ich hatte praktisch meine ganze Zeit in diesen Dienst der Verkündigung gestellt. Man könnte sagen, ich gehörte zu einer ordensähnlichen Gemeinschaft von Vollzeitpredigern, und wir bekamen natürlich nur eine relativ geringe Unkostenerstattung zur Bestreitung des Lebensunterhaltes. Die Verkündigung war mein eigentlicher Lebensinhalt,… Und ich habe damals vor dem Gericht gesagt, dass diese Form des Gottesdienstes legitim in Deutschland ist. Sie ist also vom Staat geschützt. Ich darf das machen, das gehört zu meiner Religionsfreiheit. Und jetzt verlangt man aber in Verbindung mit diesem Ersatzdienst, dass ich den Gottesdienst aufgebe und irgendeinen anderen weltlichen Dienst verrichte, obwohl der ganz offenkundig kein Gottesdienst ist… In der ersten Instanz hat man auf Seiten der Schöffen sehr positiv reagiert. Sie haben meine Haltung akzeptiert und verstanden. Das Problem war damals natürlich, dass wir als Vollzeitprediger der Zeugen Jehovas nicht als zu einem Geistlichenstand gehörig betrachtet wurden, sodass das Argument jetzt Gottesdienst ständig zu verrichten, also als Vollzeitbeschäftigung, hier in dieser Form nicht anerkannt wurde. Wir wurden deswegen nicht vom Ersatzdienst freigestellt so wie die Geistlichen der protestantischen oder der katholischen Kirche.“

Sprecherin:

Johannes Zabel wurde dann vom Northeimer Gericht wegen Dienstflucht verurteilt. Das Urteil lautete wörtlich:

Eine Gefängnisstrafe von 3 Monate erschien angemessen, das Gericht hat die Vollstreckung der erkannten Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Das Gericht hat in dem längeren Gespräch mit dem Angeklagten während der Hauptverhandlung den Eindruck gewonnen, dass er von dem ihm vorgetragenen Gedanken wirklich überzeugt und dass es ihm wahrlich ernst um die Belange der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ist. Der Angeklagten machte auch keineswegs den Eindruck, dass er von dem zu Anklage stehenden Problem abgesehen zu strafbaren Handlungen neigt. Die einzige Möglichkeit, dass der Angeklagte in Zukunft straffällig werden könnte, ist eh wegen der Unzulässigkeit von Doppelbestrafung ausgeschlossen.“

Sprecherin:

Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein. Das Göttinger Berufungsgericht distanzierte sich von der Berufungsbegründung. Trotzdem wurde die Bewährungsstrafe in eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten umgewandelt.

Johannes Zabel wartete danach auf den Haftbefehl:

„Dieser Haftbefehl ist dann aber überhaupt nicht gekommen, stattdessen kam ein Schreiben, in dem steht: ’Gnadenweise Aussetzung der Strafe von 3 Monaten Gefängnis unter der Bewilligung einer Bewährungsfrist bis zum 30. Juni 1972’… Ich hätte damals eine Summe von 450 DM in monatlichen Raten an die Niedersächsische Gefängnisgesellschaft zahlen sollen. Auch das musste ich nicht tun, weil ich wie gesagt damals als Vollzeitverkündiger tätig war und eben nur eine geringe Aufwandsentschädigung bekam. Davon konnte ich diesen Betrag nicht abzweigen … und da schrieb dann der Herr Staatsanwalt: ’Mit Rücksicht auf Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse stunde ich Ihnen bis auf weiteres die Bezahlung der Geldbuße. Ich werde zu gegebenen Zeit nachfragen, ob sich Ihre Eigentumsverhältnisse geändert haben.’… Und nachdem diese 3 Jahre vorbei und ich immer noch Vollzeitprediger war und das Geld nicht zahlen konnte, ist mir dann auch dies erlassen worden. Der endgültige Bescheid in dieser Strafsache sah so aus, dass also die ganze Angelegenheit auf dem Gnadenweg abgeschlossen worden ist.“

(Reinhard Mey, Auszug aus „Nein, meine Söhne geb ich nicht“)

Sprecherin:

(Bild: Public domain, Openclipart)

Die Wehrpflicht wurde 1956 in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Die Deutsche Demokratische Republik führte die Wehrpflicht erst 1962 ein.

Der Zivildienst wurde 1961 in der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht.

1964 führte die Deutsche Demokratische Republik den waffenlosen Dienst als Bausoldat ein.

Ein Bausoldat war ein Angehöriger der Nationalen Volksarmee und trug Uniform. Auf dem Schulterstück war ein Spaten abgebildet. Statt des Fahneneides legte er ein Gelöbnis ab. Er musste keinen Dienst an der Waffe leisten und bekam keine Schießausbildung. Er wurde hauptsächlich auf militärischen Bauprojekten wie Flugplätzen und Kasernen eingesetzt oder bei industriellen Großbauprojekten wie Chemiewerke, Kraftwerke, Bergbauanlagen.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Rainer Koch verweigerte als Zeuge Jehovas in der ehemaligen DDR den Wehrdienst und den Dienst als Bausoldat.

Er erhielt eine Haftstrafe von zwei Jahren.

(O-Ton Rainer Koch):

Im Militärstraflager Berndshof musste ich für die Deutschen Reichsbahn im Gleisbau arbeiten. Wegen der Verweigerung militärischer Übungen bekam ich Haftverschärfung und wurde deshalb in den geschlossenen Vollzug nach Bautzen I, Isolierblock Haus 2 verlegt. Dort musste ich für den Fernsehgerätehersteller Rafena arbeiten.

Wir waren drei (3) Häftlinge in einer ca. 8 m² Zelle. Das entspricht etwa der Größe eines kleinen Badezimmers. In der Zelle gab es 2 Betten (1 Doppelstock), 3 Hocker, einen kleinen Tisch, ein Regal und einen Kübel für die Notdurft.

Haftverschärfung bedeutete für uns, dass wir als Zeugen Jehovas keinen Kontakt zu anderen Glaubensbrüdern außerhalb unserer Zelle hatten.

Die Zellen wurden häufig durchsucht und wir standen unter ständiger Beobachtung der Wärter. 

Man hat auch durch Falschmeldungen versucht, unsere Einigkeit zu zerstören.

Sprecherin:

Die Wehrdienstverweigerung brachte auch berufliche Nachteile für Rainer Koch:

(O-Ton Rainer Koch):

Wegen der Verweigerung der vormilitärischen Ausbildung an der Hochschule musste ich mein Bergbaustudium 1958 abbrechen.

Ich habe dann Schriftsetzer gelernt und konnte auch nach der Entlassung aus der Haft in diesem Beruf in einem privaten Handwerksbetrieb arbeiten.

Das wurde zwar schlechter bezahlt, aber ich war weniger Repressalien ausgesetzt.

Mehrfach habe ich versucht, mich bei einem größeren Betrieb zu bewerben. Nach dem der Betrieb bei der Stasi nachgefragt hatte, wurde ich immer abgelehnt.

In den 1970er Jahren wollte ich einen Handwerksbetrieb übernehmen. Die Auskunft des Bürgermeisters: „Wir hatten eben Stadtratssitzung, du bekommst die Gewerbegenehmigung nicht, du kennst doch deine Vergangenheit“.

Sprecherin:

Rainer Koch erlebte auch andere Benachteiligungen:

(O-Ton Rainer Koch):

Auch die Kinder wurden von der Stasi in der Schule überwacht.

Selbst Urlaubsreisen ins sogenannte „Sozialistische Ausland“, also nach Ungarn, Polen, Sowjetunion wurden uns nicht gewährt.

Da wir als politische Gefangene geführt wurden, bekamen wir kein Urteil ausgehändigt. Das führte dann auch mal zu falschen Verdächtigungen und Spekulationen.

Durch meine christliche Haltung wurde ich zum „Staatsfeind“ erklärt und auf allen Ebenen des Lebens diskriminiert.

(Musikakzent)

Auch der Diplom-Geologe Bernhard Schneyer verweigerte in der DDR den Wehrdienst und den Dienst als Bausoldat. Er begründete dies mit Gewissensgründen aufgrund seiner Erlebnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit. Später berief er sich aus taktischen Gründen auf seinen evangelischen Glauben.

Er wurde im Dezember 1964 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbrachte seine Haftstrafe in Leipzig, Berlin-Rummelsburg, Berndsdorf und Bautzen.

Bernhard Schneyder wurde nach seiner Haftentlassung beruflich und privat anfangs mal mehr mal weniger benachteiligt. 1968 verschärfte sich die berufliche Benachteiligung. Ihm wurden nur noch minderwertige Arbeiten zugewiesen.

Er hatte keine berufliche Perspektive mehr und wurde weiterhin staatlich überwacht. 1976 stellte er deshalb einen Antrag auf ständige Ausreise in die BRD. Er verlor daraufhin seine Arbeit und war 14 Monate ohne Verdienst. Im September 1979 durften er und seine Familie ausreisen.

In der Bundesrepublik wurde seine Haft als Wehrdienstverweigerer lange nicht als politische Verfolgung anerkannt. Auch seine Ausbildung als Geologe wurde nicht als vollständig angesehen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung stellte Bernhard Schneyer einen Antrag auf strafrechtliche Rehabilitierung. Erst einige Zeit nach der Pensionierung wurde er rehabilitiert. So konnte er eine so genannte Opferrente beantragen. (Sprecher: Peter Bieringer)

(Udo Jürgens, Es ist 5 Minuten vor 12)

Sprecherin:

In das Wehrersatzdienstgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde 1969 der Paragraph 15a eingefügt. Seitdem gab es für Zeugen Jehovas die Möglichkeit ein freies Arbeitsverhältnis in einer Kranken-, Heil- und Pflegeeinrichtung abzuleisten. Dieses freie Arbeitsverhältnis musste ein Jahr länger dauern als der Ersatzdienst. Es wurde auf 2 1/2 Jahre festgesetzt.

Später galt dieser Paragraph nicht nur für Zeugen Jehovas.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Die Dauer der Wehrpflicht und des Zivildienstes wurde immer wieder verändert.

Die Bundesregierung hat am 15. Dezember 2010 beschlossen, die Wehrpflicht auszusetzen.

Das Gesetz trat am 1. Juli 2011 in Kraft.

Nach der Aussetzung der Wehrpflicht im Juli 2011 dauerte der freiwillige Wehrdienst in Deutschland mindestens 6 Monate. Freiwillige Wehrdienstleistende konnten sich jedoch auch für längere Zeiträume verpflichten, in der Regel bis zu 23 Monate.

Als Gründe für die Aussetzung der Wehrpflicht nannte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg:

Eine sechs Monate dauernde Wehrpflicht sei „verkrüppelt“ gewesen. Während eines Grundwehrdiensts von nur noch sechs Monaten habe man nicht mehr kämpfen lernen können.

Da nur 16 % der jungen Männer eingezogen wurden, gab es keine Wehrgerechtigkeit.

Man habe damals befürchten müssen, dass das Bundesverfassungsgericht aus verfassungsrechtlichen Bedenken die Wehrpflicht kippt. (Sprecher: Peter Bieringer)

Sprecherin:

Karl-Theodor zu Guttenberg nannte (bei Markus Lanz am 17. April 2025) mehrere konkrete Gründe, warum eine Wiedereinführung der Wehrpflicht von heute auf morgen nicht realistisch sei:

Viele Kasernen wurden seit der Aussetzung 2011 geschlossen oder umgewidmet. Eine Reaktivierung würde Zeit und erhebliche Investitionen erfordern.

Es fehlt an Personal und Kapazitäten, um kurzfristig wieder Zehntausende Wehrpflichtige auszubilden.

Die Erfassung, Musterung und Zuweisung potenzieller Wehrpflichtiger müsste komplett neu aufgebaut werden. (Sprecher: Peter Bieringer)

Sprecherin:

Das neue Wehrdienst-Modernisierungsgesetz trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Das Gesetz sieht vor, dass der Dienst in der Bundeswehr zunächst auf Freiwilligkeit beruht.​

Der Wehrdienst dauert mindestens 6 Monate, mit der Möglichkeit, sichfreiwillig bis zu 25 Jahre zu verpflichten.

Junge Männer ab 18 Jahre beginnend ab Jahrgang 2008 müssen künftig einen Fragebogen ausfüllen und zur Musterung erscheinen. Der Beginn der Musterungspflicht ist für Juli 2027 geplant.

Der freiwillige Wehrdienst gilt für Männer und Frauen.

Falls nicht genügend Freiwillige vorhanden sind, kann der Bundestag auf Basis einer Rechtsverordnung eine (wiedereinsetzende) Wehrpflicht nur für Männer beschließen; dies entspricht in der Sache einer Bedarfswehrpflicht.​ (Sprecher: Peter Bieringer)

(Musikakzent)

Sprecherin:

Der Zivildienst entfiel mit der Aussetzung der Wehrpflicht ebenfalls.

Junge Menschen und Erwachsene können sich weiterhin freiwillig engagieren. Für junge Menschen gibt es weiterhin das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ).

Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) wurde nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 eingeführt. Menschen jeden Alters können sich freiwillig für das Gemeinwohl zu engagieren.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Die jüngere Rechtsprechung, insbesondere der Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 16. Januar 2025, stellt dieses Grundrecht nicht grundsätzlich infrage.

Unverändert gilt, dass anerkannte Kriegsdienstverweigerer nicht zum Dienst mit der Waffe herangezogen werden dürfen.

Unabhängig hiervon können im Spannungs- oder Verteidigungsfall trotzdem bestimmte Arbeitsleistungen angeordnet werden und zwar auf Grundlage des Arbeitssicherstellungsgesetzes. Das ist möglich, wenn solche Maßnahmen nötig sind, um die öffentlichen Sicherheit zu gewährleisten, die Bevölkerung zu versorgen oder staatliche Einrichtungen funktionsfähig zu halten.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Damit endet unser Blick auf die wechselvolle Geschichte der Wehrdienstverweigerung in Deutschland.

© Copyright Ingeborg Lüdtke

Fotos: Es sind entweder eigene Fotos oder Fotos, die man mir für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat oder diese gemeinfrei sind. – Eine Verwendung von Dritten ist nicht erlaubt.

Texte aus Film und Buch: Die Rechte zur Veröffentlichung aus dem Film „Fürchet Euch nicht“ wurden von Fritz Poppenberg erteilt. Eine Verwendung von Dritten ist nicht erlaubt.

Die Nutzungsrechte der Textauszüge aus „Der Tod kam immer montags“ wurden vom Klartext Verlag erteilt. Eine Verwendung von Dritten ist nicht erlaubt.

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Literaturhinweis:  

Ulrich Finck, Justiz und Kriegsdienstverweigerer aus dem Buch “Recht ist was den Waffen nützt” herausgegeben von Helmut Kramer und Wolfram Wette.

Spehr, Christopher / Lehmann, Roland M. (Hg.): Diskriminierung von Christen in der DDR. Band 2: Maximilian Rosin: Totalverweigerer in den 1960er Jahren. Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht.

Hinweis:  Am 31. Januar 2014 ist Richard Rudolph im Alter von 102 Jahren verstorben.

Hinweis: Am 15. März 2021 ist Peter Dürrbeck im Alter von 82 Jahren verstorben.

Hinweis: Am 10. Februar 2026 ist Johannes Zabel im Alter von fast 80 Jahren verstorben.

Hinweis: Am 5. Oktober 2025 ist der Filmemacher Fritz Poppenberg im Alter von fast 76 Jahren gestorben.

Hinweis: Horst Schmidt bereits verstorben

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80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald – Weimar im Wandel –

Einladung

Überraschenderweise erhalte ich vom Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt und dem Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Prof. Dr. Jens-Christian Wagner eine Einladung zum Gedenkakt aus Anlass des 80. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora am Sonntag, dem 6. April  2025 um 10:00 Uhr in der Weimarhalle in Weimar.

Nach anfänglichem Zögern beschließe ich an dem Gedenkakt teilzunehmen. Möglicherweise ist es eine der letzten Gedenkveranstaltungen mit Überlebenden.

Reise nach Weimar

Damit ich pünktlich spätestens um 9:50 Uhr in der Weimarhalle ankomme, reise ich schon am Samstag, den 5. April 2025 per Zug an. So habe ich noch die Möglichkeit mir einige Orte in Weimar anzusehen, die ich vor 23 Jahren nur von weitem gesehen habe.

Der Regionalzug fährt pünktlich ab, ist aber durch den Beginn der Ferien in fünf Bundesländern voller als sonst.

Bei meiner Ankunft am Bahnhof Weimar mache ich mich auf die Suche nach einem Schließfach für meinen Koffer, da die Rezeption meines Hotels erst ab 17:00 Uhr besetzt ist. Leider habe ich bei den Schließfächern am Bahnhofsausgang Pech. Der nette Bahnmitarbeiter rät mir, zu den Schließfächern auf Bahnsteig 1/2 zu gehen. Hier kann ich endlich meinen Koffer sicher einschließen. Da ich sehr mit dem Verstauen des Koffers beschäftigt bin, bemerke ich erst spät rechts von mir einen Mann, der mir seinen Rücken zu dreht. Er kommt mir irgendwie bekannt vor: weißes kurzgeschnittenes Haar, breites Kreuz und eine graue Anzugjacke. Es wäre wirklich ein sehr großer Zufall, wenn ausgerechnet einer der beiden Personen, die ich überhaupt in Weimar kenne, neben mir stände. Später sehe ich ihn erneut vor dem Bahnhof bei einem Auto stehen. Es ist tatsächlich Jens-Christian Wagner (Direktor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald/Mittelbau-Dora), der einen Gast abgeholt hat.

Auf dem August-Baudert-Platz vor dem Bahnhof befinden sich Stellwände mit Fotos und kurzen Infos von ehemaligen Inhaftierten des KZ Buchenwald.

Heute möchte ich mich aber mit der früheren Geschichte Weimars und ihren berühmten Persönlichkeiten beschäftigen.

Marstall und Stadtschloss

Über den Herderplatz mit dem Herder-Denkmal gelange ich zum Weimarer Marstall am Kegelplatz. Das Gebäude hat eine wechselhafte Geschichte. Es wurde als Reithalle erbaut und beherbergte später die Gestapo-Leitstelle. Heute ist er der Sitz des Hauptstaatsarchivs Weimar.

Ganz in der Nähe befindet sich das Weimarer Stadtschloss, das jetzt als Schlossmuseum (kunsthistorischen Ausstellung mit Schwerpunkt Malerei) genutzt wird. Es wird gerade renoviert. So werfe ich nur kurz einen Blick in den Hof.

Grünes und Rotes Schloss

Ich gehe den Hügel hoch zum Platz der Demokratie. Links steht das sogenannte „Grüne Schloss“ in dem sich die Herzog Anna-Amalia-Bibliothek befindet. Heute gibt es ohne ein vorbestelltes Zeitfensterticket keinen Einlass mehr.

Geradeaus laufe ich auf das ehemalige Fürstenhaus zu, in dem sich heute der Sitz der Hochschule für Musik Franz-Liszt befindet. Davor steht das Reiterstandbild von Herzog Carl August.

Da ich erst um 15:00 Uhr ein Zeitfensterticket für Goethes Gartenhaus habe, gehe ich Richtung Marktplatz und komme am „Roten Schloss“ vorbei. Es war ursprünglich als Wohnsitz der Witwe von Herzog Johann Wilhelm I. gedacht. Nach dem Stadtschloss-Brand 1616 wohnte hier zeitweise die Fürstenfamilie.

Hotel Elephant

Schräg gegenüber steht heute das legendäre Hotel „Elephant“. Auf dessen Parkplatz stand früher das Haus von Johann Sebastian Bach.

In dem ursprünglichen Gasthof „Elephant“ verkehrten zahlreiche Dichter und Musiker wie Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Franz Liszt und Richard Wagner.

In dem 1937 neu errichteten Hotel „Elephant“  wohnte Adolf Hitler während seiner Aufenthalte in Weimar in einer nur von ihm benutzten Suite im 1. Stock. Vom Balkon an der Vorderfront des Hotels hielt Hitler einige Reden.

Marktplatz

Da heute Markt ist, hat man leider keinen guten Blick auf die schönen geschichtsträchtigen Häuser, wie das Rathaus, das Stadthaus und das Cranachhaus. In dem Cranachhaus befand sich die Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren. Heute ist es das „Theater im Gewölbe“ (Privattheater). Lucas Cranach d. Ä. war ein Vorfahr von Goethe – mütterlicherseits.

Wittumspalais, Theaterplatz und Goethewohnhaus

An der ehemaligen Mietwohnung von Friedrich Schiller in der Windischenstraße vorbeikommend und über den Hof des Wittumspalais gelange ich zum Theaterplatz. Das Wittumspalais war viele Jahre der Wohnsitz von Herzogin Anna-Amalia. Hier fanden die berühmten Tafelrunden (literarische Diskussionen, Aufführungen von Theaterstücken, Musik), sowie der erste Thüringer Landtag statt. Heute ist es ein Museum.

Vor dem Deutschen Nationaltheater steht das Goethe-Schiller-Denkmal. Goethe soll angeblich einen halben Kopf kleiner als Schiller gewesen sein. Das Gebäude des Nationaltheaters wurde mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Es diente nicht nur als Mehrspartentheater (Schauspiel, Musik), sondern war auch Schauplatz von politischen Ereignissen. Hier wurde am 11. August 1919 von der Nationalversammlung die Weimarer Reichsverfassung verabschiedet. Später veranstalteten hier die Nationalsozialisten seit 1924 Parteiversammlungen. Im Herbst 1944 wurde das Theater zu einer Rüstungsfabrik der Firma Siemens und Halske umfunktioniert. Anlässlich des 200. Geburtstag Goethes am 28. August 1949 hielt Thomas Mann seine berühmte Ansprache an die Deutschen.

Ich verlasse nun diesen geschichtsträchtigen Ort, um wieder Richtung Park an der Ilm zu gehen. Am Frauenplan werfe ich nur einen kurzen Blick in den Hof des Goethe-Nationalmuseum mit Goethes Wohnhaus. Goethe hat hier 50 Jahre lang gelebt.

Goethes Gartenhaus

Um 15:00 Uhr habe ich ein Zeitfensterticket für Goethes Gartenhaus. Bei meinem letzten Besuch in Weimar haben wir während der Stadtführung das Gartenhaus nur von weitem gesehen. Es erschien mir kleiner zu sein.

Obwohl ich etwas früher dort bin, darf ich schon ins Gartenhaus.

Ich schaue mir recht nüchtern die Möbel und ausgestellten Texte von Johann Wolfgang von Goethe an. Die Ehrfurcht, die ich als junge Buchhändlerin vor seinen Werken empfand, stellt sich nicht mehr ein. Damals dachte ich noch, dass jede/r Autor/in über mir auf einem Treppchen stände. Nach fast 50 Jahren im Verlagswesen und Buchhandel ist schon längst eine Entzauberung eingetreten. Werke von Goethe begeistern mich nicht sehr. Ich stimme mit Heinrich Heine überein, dem die „göthischen Schriften“ nicht gefielen, sie aber in „poetischer Hinsicht verehrte“. Mir gefallen Texte von Friedrich Schiller besser.

Goetheplatz und Weimarhalle

Da ich schon einmal erkunden möchte, wo die Weimarhalle ist, gehe ich Richtung Goetheplatz. Auch hier gibt es wieder historische Gebäude wie den Kasseturm (Teil der ehemaligen Stadtmauer), das Lesemuseum (ehem. Vereinshaus der Weimarer Lesegesellschaft, heute Radio Lotte), das Hauptpostamt Weimar, sowie gleich über die Straße der Zweckverband Musikschule „Johann Nepomuk Hummel“ (ehem. Bürgerschule) zu sehen.

Auf dem heutigen Goetheplatz (vorm. Karlsplatz) fand am 5. Juli 1939 der große Aufmarsch der Standarten zum ersten Reichsparteitag statt. Zu diesem Zweck wurde das Reiterstandbild von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisennach entfernt.

Unweit vom Goetheplatz liegen die Weimarhalle und das Bauhausmuseum.

Die ursprüngliche Weimarhalle wurde 1931 erbaut. Die Nutzung der Halle konnte unterschiedlicher nicht sein. 1932 fanden dort die Feierlichkeiten anlässlich des 100. Todesjahres von Johann Wolfgang von Goethe statt. In demselben Jahr trat Adolf Hitler noch vor der Machtergreifung zu einer Massenkundgebung der NSDAP Gau Thüringen auf.

Die in Weimar stationierte Sowjetarmee benutzte zeitweise die Weimarhalle als „Haus der sowjetischen Offiziere“. Zu DDR-Zeiten fanden hier regelmäßig die Parteitage der Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) statt.

Die Weimarhalle wurde 1997 wegen Baumängel abgerissen und neu gebaut.

Ich erkunde noch kurz, wo sich der Nordeingang der Weimarhalle befindet, denn nur diesen Eingang sollen wir morgen benutzen.

Schräg gegenüber der Weimarhalle bzw. direkt gegenüber des Bauhausmuseum war früher das ehemalige Gauforum, das nicht mehr komplett errichtet wurde. In einem Teil der dazugehörigen Gebäude ist heute das Museum Zwangsarbeit untergebracht.

Vor dem Museum stehen genau wie auf dem August-Baudert-Platz Stellwände mit Fotos und kurzen Infos von ehemaligen Inhaftierten des KZ Buchenwald.

Hier schließt sich dann der Kreis meiner Weimarer Stadtbesichtigung.

Irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass fast alles in der Stadt mit Goethe oder Hitler bzw. NS-Geschichte zu tun hat. Thomas Mann sprach von einer Vermischung „von Hitlerismus und Goethe“.

Check-In Automat

Nun hole ich den Koffer aus dem Schließfach und gehe zum Hotel. Leider bin ich eine halbe Stunde zu früh dort. Angeblich besteht außerhalb der Rezeptions-Öffnungszeiten die Möglichkeit, sich an dem Check-In Automaten am Haupteingang selbständig einzuchecken. Hierzu benötige man die Reservierungsnummer und den Nachnamen.

Leider erhalte ich mehrfach die Meldung, dass es für mich keine Reservierung gäbe. Ein netter junger Mann lässt mich aber schon mal in den Vorraum, so dass ich mich auf das schwarze Ledersofa setzen kann.

Als die Rezeption dann geöffnet wird, kann ich einwandfrei einchecken. Mein Zimmer liegt in der 3. Etage am Ende des Ganges. Es hier sehr ruhig.

Gedenkakt 80. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora

Einlass in die Weimarhalle

Heute am Sonntag, den 6. April 2025 wird der Gedenkakt aus Anlass des 80. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora in der Weimarhalle begangen.

Als erstes bringe ich wieder meinen Koffer zum Bahnhofsschließfach. Den Weg zur Weimarhalle kenne ich ja inzwischen.

Als ich um ca. 9:30 h bei der Weimarhalle ankomme, stelle ich mich ans Ende der Wartenden beim linken Eingang. Vor mir steht eine Gruppe Franzosen/Französinnen. Einer von ihnen trägt ein grünes Sakko aus Breitcord. Durch seinen Hut und seinen Bart erinnert er mich an Horst Lichter.

Beim rechten Eingang fahren gerade Limousinen mit abgedunkelten Fenstern vor. Die Sicherheitsbeamten sorgen dafür, dass die Personen des öffentlichen Lebens schnell und sicher die Halle betreten können.

Unsere Taschen und Rucksäcke werden kontrolliert und ich werde auf gefordert meinen Rucksack gemeinsam mit der Jacke an der Garderobe abzugeben. Nun erfolgt die Kontrolle der Einladungen. Da ich meinen Sitzplatz schon im Voraus gebucht habe, kann ich in der linken Schlange bleiben. Das Ticket ist schnell gescannt. Die beiden Frauen vor mir haben sich noch nicht registriert und werden auf die rechte Seite mit dem V.I.P-Schild geschickt. Beide Frauen amüsieren sich köstlich, dass sie nun als V.I.P. gelten.
Die erste Garderobe ist bereits voll. Um zur anderen Garderobe zu gelangen, muss ich einmal am Saal vorbei und eine Etage nach unten gehen.
Meinen Sitzplatz habe ich schnell gefunden. Ich sitze in der 11. Reihe am Gang und hinter mir ist auch ein Gang. Die Person, die sich neben mir eingebucht hatte, erscheint nicht. Darüber bin ich auch nicht böse.
Während ich darauf warte, dass alle Gäste ihre Plätze einnehmen, kommen nun viele Personen mit ihren Mänteln und dicken Rucksäcken herein. Vermutlich reicht die Kapazität der Garderoben nicht mehr aus.

Musik und Fotos

Der Saal wir nun verdunkelt. Musiker spielen das Werk Żal (Bedauern) von Józef Kropiński, das er im September 1944 im Konzentrationslager Buchenwald komponierte. Gleichzeitig werden Fotos von der Befreiung der KZ Mittelbau-Dora (Nordhausen), KZ Buchenwald und dessen Außenlagern auf eine Leinwand projiziert. Es sind die schrecklichen Bilder, die sich den Befreiern bei ihrer Ankunft boten: Leichenberge, ausgemergelte Menschen, die mehr tot als lebendig zwischen den Toten sitzen oder liegen. Die Fotos der Außenlager Penig und Lippstadt der Frauen sind weniger schockierend. Weitere Fotos zeigen die Totengedenkfeier am 19. April 1945 auf dem Gelände des KZ Buchenwald, sowie französische Buchenwald-Überlebende bei einer Maikundgebung am 1. Mai 1945 in Paris.

Gedicht


Johanna Geißler rezitiert das Gedicht Forderung von Sarah Udi. Es wurde im Februar 1945 im Außenlager Sömmerda des Konzentrationslagers Buchenwald verfasst.

Sarah Udi wurde 1914 in Mukasch (damals Ungarn) geboren. Sie war Lehrerin und mit einem aktiven Zionisten verheiratet. Sie und ihre Eltern wurden als Juden 1944 nach Auschwitz deportiert. Ihre Eltern wurden dort ermordet. Sie musste Zwangsarbeit in Gelsenkirchen und im Buchenwalder Außenlager Sömmerda für die Firma Rheinmetall Borsig leisten. Sie überlebte das Lager und wanderte nach Israel aus. Sie starb 2007.

BEGRÜßUNG

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Prof. Dr. Jens-Christian Wagner begrüßt und bedankt sich besonders bei den neun Überlebenden, die trotz des Leidens, dass sie im KZ Buchenwald erleben mussten, an den Ort ihres Leidens zurückgekehrt sind. Es sei eine große Ehre, dass sie gemeinsam mit uns an die Befreiung des KZ Buchenwalds und Mittelbau-Doras vor 80 Jahren erinnern.

Häftlinge aus allen Teilen Europas seien befreit worden, die zu den unterschiedlichsten Opfergruppen gehörten: politische Gegner der Nationalsozialisten, Widerstandskämpfer, Jüdinnen oder Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, sogenannte „Berufsverbrecher“ oder Sicherungsverwahrte, angeblich „Asoziale“, Zeugen Jehovas, Opfer der Wehrmachtsjustiz, Männer, Frauen und Kinder. Von den 278 000 von den Nazis deportierten Menschen nach Buchenwald hätten 56 000 nicht überlebt.

Foto: (c) Thomas Müller, TSK

20 000 Menschen von den 60 000 Häftlingen in Mittelbau-Dora seien verstorben. Überlebende seien vielfach körperlich und seelisch von der Haft gezeichnet. An sie alle würden wir heute erinnern.

Doch der heutige Gedenktag sei auch ein Tag, des gemeinsamen „Nachdenkens“, über die Bedeutung der Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus. Für die Mütter und Väter des Grundgesetzes sei die Antwort 1949 klar gewesen, deshalb hätten sie in Artikel 1 des Grundgesetzes geschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dies bedeute die Würde aller Menschen, nicht nur des Deutschen.

MUSIKALISCHES ZWISCHENSPIEL

Józef Kropiński: Tak się o ciebie boję (Ich habe solche Angst um Dich) komponiert im August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald

GRUßWORT

Der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt (MdL) lässt in seiner Rede die Ereignisse und unmenschliche Lebenssituation der Häftlinge am 11. April 1945 lebendig werden. Er fragt: „Wie konnte das geschehen?“ Über 50 000 Menschen seien ermordet, erschlagen, erschossen, zu Tode geschunden worden oder verhungert. Hinter all den Toten ständen Namen, Leben, Familien, Biografien. Es sei eine Schuld, die keine Verjährung kenne und eine Verantwortung, die bleiben würde.

Das KZ Buchenwald sei weithin sichtbar gewesen. Man habe die Transporte sehen und die Kommandos hören können. Die Stadt der Kultur, des Humanismus, der deutschen Klassik und der Ort der Barbarei, der systematischen Entmenschlichung lagen dicht bei einander. Dies sei eine Warnung, denn Bildung und Kunst oder moralische Selbstvergewisserung würden nicht immun machen gegen das Böse. Zwischen „Goethe und Gewalt“ läge kein schützender Raum. „Die Leserin von Schiller könne zur Schreibtischtäterin werden, der Hörer von Beethoven zum Lagerarzt“.

Foto: (c) Fotos Thomas Müller, TSK

Buchenwald sei ein Ort „systematischer Entmenschlichung“ gewesen. In dem Konzentrationslager habe „Vernichtung durch Arbeit, Hunger und kalkulierte Grausamkeit“ stattgefunden. Alles in diesem Lager sei dazu ausgerichtet gewesen, den menschlichen Geist und seine Würde zu brechen.

Es gelte die Verantwortung, die Menschlichkeit zu verteidigen und aus der Vergangenheit zu lernen, um eine gerechte Zukunft zu gestalten. Wichtig sei es, wachsam gegenüber den ersten Anzeichen von Unrecht zu sein und die Würde jedes Menschen aktiv zu achten. „Erinnerung sei nicht nur rückblickend, sondern solle auch die Gegenwart kritisch betrachten und eine Haltung gegen Gleichgültigkeit und Geschichtsrelativierung fördern“. Es sei ein starkes Signal, den Schwur von Buchenwald ernst zu nehmen: „Nie wieder.“

TEXTAUSZÜGE aus „Das schönste Museum der Welt“

Sebastian Kowski trägt Auszüge aus dem Werk „Das schönste Museum der Welt“ vor, das François Le Lionnais über das Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1946 verfasst hat.

François Le Lionnais war Chemiker und Wissenschaftsjournalist, der vor und nach dem Krieg in Künstlerkreisen verkehrte. Er war Mitglied in zahlreichen Verbänden. Als Resistance-Mitglied wurde er 1942 verhaftet und 1944 in das KZ Mittelbau-Dora verschleppt. Er überlebte.

MUSIKALISCHES ZWISCHENSPIEL

Stanisław Więckowski: Wojna (Krieg) komponiert 1943/44 im Konzentrationslager Buchenwald

GEDENKREDE

Christian Wulff, der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland a. D., bedankt sich bei den anwesenden Überlebenden und deren Angehörigen dafür, dass sie so vieles Wichtiges überliefert hätten. Sie seien große Vorbilder für ihn für Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit, Verständigung und Versöhnung.

Er erinnert an die Befreiung von Buchenwald und Mittelbau-Dora und warnt vor dem Wiederaufleben rechtsextremer Ideologien.

In „Weimar-Buchenwald sei zu spüren, wozu „fehlgeleitete, aufgehetzte, hasserfüllte Menschen gegenüber ihren Mitmenschen fähig“ seien. Menschen seien erniedrigt und getötet worden „wegen ihres Glaubens, kultureller Zugehörigkeit, politischer Überzeugungen oder ihrer sexuellen Orientierung“.

Thüringen sei ein „Vorreiter auf den Weg in den NS-Staat“ gewesen. Christian Wulff zeigt kurz auf, wie der NSDAP der Einzug in eine Regierungskoalition mit Bürgerlichen und Deutsch-Nationalen gelang.

Foto: (c) Fotos Thomas Müller, TSK

Die NSDAP und die AfD seien nicht gleichzusetzen, da dies eine „unverantwortliche Verharmlosung des Nationalsozialismus“ wäre. Er sieht aber Parallelen in den Äußerungen einiger AfD-Politiker. 

Es sei wichtig aktiv gegen Extremismus und Diskriminierung einzutreten und die Errungenschaften von Demokratie und Menschenrechten zu verteidigen.

Deutschland habe die Verantwortung aus der Geschichte zu lernen und sich aktiv gegen Feindseligkeit und Entmenschlichung einzusetzen, um den Schwur von Buchenwald „Nie wieder“ einzuhalten.

(Die ganze Rede kann man nachlesen unter https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/reflexionen/reflexionen-2025/gedenkakt-weimar-wulff-rede )

MUSIKALISCHER ABSCHLUSS

Edvard Grieg: Peer Gynt, Suite Nr. 1, Op. 46, daraus: Åses Tod, 1875

Edvard Grieg war kein Häftling in Buchenwald, aber sein Stück ist eng mit Buchenwald verbunden. Es wurde vom Lagerorchester am 19. April 1945 anlässlich der ersten Gedenkfeier für die ermordeten Kameraden auf dem Appellplatz gespielt.

Foto: (c) Fotos Thomas Müller, TSK

Ende der Gedenkfeier

Am Ende der Gedenkfeier hole ich meinen Mantel und den Rucksack. Trotz der vielen Menschen kann ich die Weimarhalle schnell verlassen.

Über den Inhalt der Reden muss ich noch einmal nachdenken und plane mir die Veranstaltung in der MDR-Mediathek noch einmal anzusehen.

https://www.ardmediathek.de/video/mdr-plus/gedenkakt-zur-befreiung-der-kz-buchenwald-und-mittelbau-dora/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MjA0MS81MDg3MjQtNDg4Nzc3

Am Fußgängerüberweg in Nähe der Weimarhalle lässt mich der Fahrer einer Limousine mit verdunkelten Scheiben und Hannoveraner Kennzeichen die Straße überqueren. Ich winke als Dank.

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Rokokosaal in der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist eine der ältesten öffentlichen Bibliotheken Europas. Sie wurde 1691 gegründet.

Für 12:30 Uhr habe ich ein Zeitfensterticket für den Rokokosaal in der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek. Ich kenne den Weg und laufe diesmal auf sehr freien Wegen und Plätzen und kann so u.a. noch einmal schöne Fotos von den Häuser am Marktplatz aufnehmen.

Im September 2004 brannten Teile der Herzogin Anna-Amalia Bibliothek. Trotz großer Hilfsaktionen wurden 50.000 Bände vernichtet, etwa 60.000 – 100.000 beschädigte Bücher konnten gerettet werden. Die Bestände konnten teilweise durch Buchspenden aufgestockt werden. Durch den Bibliotheksbrand entstanden besonders schwere Brandverluste bei der herzoglichen Musikaliensammlung.

Der Rokokosaal ist wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Bibliothek wurde 2007 wiedereröffnet.

Der ovale helle Rokokosaal mit den weißen kunstvoll gestalteten Bücherregalen bis unter die Decke auf mehreren Ebenen ist schon beeindruckend. Er erstreckt sich über drei Etagen. Die Brüstungen sind vergoldet und die Decke ist mit Stuck verziert. Das Deckengemälde „Der Genius des Ruhmes“ wurde nach dem ursprünglichen Werk rekonstruiert. Leider kann man die Treppe in dem Bücherturm nur im Rahmen einer Führung besteigen.

Foto: (c) Klassik Stiftung Weimar

Im unteren Bereich und auf der Brüstung befinden sich Büsten von Dichtern, Künstlern und Philosophen. Auch hier begegnet mir Johann Wolfgang von Goethe als Büste oder auf Gemälden. 35 Jahre lang leitete er als Bibliothekar die Herzog Anna-Amalia Bibliothek.

Viele Inhalte der alten Bücher geben uns heute einen Einblick in Ideen, Perspektiven und Wissen zur Zeit der Veröffentlichung. Heute haben sie einen großen Wert für Historiker, Sprachwissenschaftler, Literaturwissenschaftler und andere Forschende.

Per App kann man auch einen Blick in bestimmte Werke werfen. Ich würde die Bücher lieber persönlich in die Hand nehmen und aufschlagen.

Der Brandgeruch wurde durch ein bestimmtes Verfahren von den Büchern entfernt. Der prächtige wohltemperierte Rokokosaal wirkt allerdings sehr steril auf mich. Ich vermisse den Geruch von Staub und altem Papier, der mich jedes Mal auf dem Dachboden in dem alten Verlagsarchiv von Vandenhoeck & Ruprecht umgab. Ehrfurcht beschlich mich auch vor den dort lagernden ungebundenen Buchseiten aus dem 18. Jahrhundert, die man damals noch auf Buchmessen einzeln oder in Bögen verkaufte.

Abreise

Mein Rückweg führt mich nun auf den bereits bekannten Straßen zurück zum Bahnhof. Ich hole meinen Koffer aus dem Schließfach. In der Bahnhofseingangshalle ist die Polizei diesmal sehr präsent.

Mein Regionalzug hat nur 5 Minuten Verspätung. Leider ist der Zug noch voller als auf der Hinfahrt und so kann ich nicht allein in einer Reihe mit dem Koffer sitzen. Ein netter junger Mann legt meinen Koffer in die Ablage über mir und verspricht mir, ihn auch wieder in Göttingen herunter zu holen.

Neben mir quetscht eine junge Frau ihren großen Koffer in die Sitzreihe und setzt sich quer auf den Sitz. Eine korpulente Frau um die 40 Jahre bittet sie aufzustehen und ihr den Platz zu überlassen, da sie nicht zwei Stunden stehen könne. Die junge Frau steht auf. Als sich der Zug etwas leert, bittet die junge Frau sie, sich auf einen anderen freien Platz zu setzen. Auch das Pärchen mit den großen Rucksäcken findet einen Sitzplatz. Die Frau saß zuvor auf dem Boden des Ganges.

Trotz der Enge geht hier alles zivilisiert und friedlich zu. Ich muss kurz mit Schaudern an die unmenschlichen Häftlingstransporte in den überfüllten Zügen zum KZ Buchenwald denken.

Am Göttinger Bahnhof fährt mein Bus erst in einer halben Stunde ab. Ein Bekannter bringt jemanden zum Zug. Als er zurückkommt fragt er mich, ob er mich nachhause fahren kann. Da er noch Zeit bis zu seinem nächsten Termin hat, nehme ich dankbar an.

© Copyright Ingeborg Lüdtke

Anmerkung:

Die feierliche Kranzniederlegung fand um 15 Uhr auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald statt. Hierbei kam es zu einem Eklat, als eine junge Teilnehmerin bei der Präsentation eines Jugendprojekts auf Englisch von einem „Genozid“ in Palästina sprach. Der letzte Text war mit der Gedenkstätte nicht abgesprochen.

Im Vorfeld wurde auf Grund eines Konflikts zwischen der Botschaft Israels und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora die geplante Rede des deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm aus dem Programm des Gedenkaktes gestrichen und auf einen anderen Termin verlegt.

Fotos: (c) Ingeborg Lüdtke Fotos //Foto: Anna Amalia Bibliothek (c) Klassik Stiftung Weimar// Fotos in der Weimarhalle (c) Thomas Müller, TSK – Alle Fotos dürfen nicht von Dritten verwendet werden

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„Dass es uns noch einmal so hart trifft, haben wir wohl beide nicht gedacht“.

Am 27. Januar 2025 fand um 19 Uhr in der Lutherkirche Bad Harzburg eine Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus mit 120 Gästen statt. Eingeladen hatte die katholische Friedensbewegung pax Christi Basisgruppe Nordharz.

Wie jedes Jahr wurde wieder eine Opfergruppe in den Mittelpunkt gerückt. Diesmal wurde der Opfer der Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals genannt wurden, anhand des Bad Harzburger Bürgers Arno Stoy gedacht. Arno Stoy wurde als Zeuge Jehovas ab 1933 mehrfach verhaftet. Er verstarb 1940 im KZ Sachsenhausen.

Auf der Veranstaltung war Arno Stoys Enkel Winfried Köhler anwesend, der Briefe seines Großvaters zur Verfügung gestellt hatte. Auszüge aus den Briefen, Verhörprotokollen und Gerichtsurteil wurden von verschiedenen Personen vorgetragen und entsprechende Fotos gezeigt. Das Musikalische Begleitprogramm gestalteten Rainer Buhl, Berd Dallmann und Karsten Krüger. Eines der Lieder trug den Titel „Vorwärts Ihr Zeugen“. Es wurde von Erich Frost komponiert, der selbst auch in Sachsenhausen inhaftiert war.

Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Dass es uns noch einmal so hart trifft, haben wir wohl beide nicht gedacht“. (Zitat aus dem Brief vom 25.6.1938 aus dem Gefängnis in Hannover)

Einleitung

Wie Markus Weber (Pax Christi) ausführte, wurde der Fabrikat Arno Stoy „Ziel von Diskriminierung und Verfolgung, weil er einer religiösen Minderheit angehörte“. Jehovas Zeugen hätten neben Kommunisten und Sozialdemokraten zu den ersten Verfolgten gehört, da sie sich aufgrund ihres Glaubens „weigerten, sich der unmenschlichen Ideologie zu unterwerfen.“

Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933, meistens Reichstagsbrandverordnung genannt, habe wesentliche Grundrechte der Verfassung außer Kraft gesetzt. Dies sei zur „Abwehr kommunistischerstaatsgefährdender Gewaltakte“ nötig. Doch schon bald sei diese Verordnung erweitert u.a. auf die SPD und die Zeugen Jehovas angewandt worden. Im Land Braunschweig seien die Zeugen Jehovas am 19.5.1933 verboten worden.

Wahlzwang

Am 12. November 1933 fand die Reichstagswahl und Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund statt. Arno Stoy wird von der SA in Bad Harzburg gezwungen zur Wahl zu gehen. Da er sich weigert zu wählen, wird er von SA-Männern getreten und geschubst. Außerdem wird bei den im Wahllokal Anwesenden Stimmung gegen ihn gemacht. Jemand ruft: „Haut ihm doch in die Schnauze“. Aber außer der SA wird keiner ihm gegenüber handgreiflich. Anschließend wird er im Amtsgerichtsgefängnis von Bad Harzburg in einer Einzelzelle untergebracht. Seine Entlassung erfolgt am nächsten Tag.

In einem Brief vom 15.11.1933 an den Reichsminister des Innern beschwert sich Arno Stoy über dieses Vorgehen.

Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung von religiösen Schriften

Inzwischen gilt das Versammlungsverbot für Zeugen Jehovas. Arno Stoy wird vorgeworfen dagegen verstoßen zu haben.

In diesem Zusammenhang kommt es zu einer Hausdurchsuchung. Bücher (u.a. 2 Bibeln) von ihm werden beschlagnahmt.

Arno Stoy beschwert sich am 10. März 1934 bei der Oberstaatsanwaltschaft Braunschweig gegen diese Beschlagnahmung und fordert die Herausgabe der Bücher. Er bezieht sich dabei auf Artikel 135 der Verfassung des Dt. Reiches, die Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährt. Durch die Wegnahme der Bibeln sei er in der Ausübung der Glaubens- und Gewissensfreiheit behindert.

Seine Beschwerde hat teilweise Erfolg. Er erhält die Bibeln zurück, aber nicht die Literatur der Zeugen Jehovas, da diese als Propagandamaterial einer verbotenen Organisation eingestuft werden.

Verstoß gegen das Verbot der Zusammenkunft von Zeugen Jehovas

Arno Stoy und 22 anderen Personen wird am 02. Juni 1934 eine Anklageschrift wegen Verstoßes gegen „das Verbot jeglicher Zusammenkunft der Gesellschaft“ (gemeint sind die Zeugen Jehovas) zugestellt. Das Hauptverfahren findet vor dem Schöffengericht in Goslar am 13. August 1934 statt. Das Verfahren wird gegen Arno Stoy und die anderen Beteiligten wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Verhaftung und Verurteilung

Am 4. September 1936 wird Arno Stoy aufgrund des Verstoßes gegen das Versammlungsverbots der Zeugen Jehovas verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Braunschweig gebracht.

Aus dem Vernehmungsprotokoll geht hervor, dass er aus Gewissensgründen den Deutschen Gruß „Heil Hitler“ ablehne, weil er nur Gott verehre. Im Falle der Landesverteidigung lehne er den Kriegsdienst ab.

Am 17. September 1936 legt er gegen seine Verhaftung Beschwerde ein. Er begründet dies damit, dass man lediglich ein Liederbuch gefunden hätte, dessen Liederinhalt nur Gott und Jesus Christus verherrlichen. Der Besitz des Liederbuches seit den zwanziger Jahren könne nicht als eine den Staat gefährdeten Tätigkeit gewertet werden.

Außerdem weist er auf seine Saisonhauptabsatzzeit im Herbst für die Herstellung und den Vertrieb von Gewächslüftungsfenstern hin. Durch seine Verhaftung sei die Existenz seiner Familie aufs Spiel gesetzt. Seine Gelübde Gott treu zu bleiben könne doch kein Staatsverbrechen sein, dass seine völlige Vernichtung rechtfertige. Er fragt: „Ist denn nicht ein aufrichtiger Mensch, der sich politisch fernhält, besser als eine Menge von Heuchlern, die aus Menschenfurcht äußerliche Gewohnheiten ausführen?“

Seine Beschwerde blieb erfolglos. Bis zur Verhandlung bleibt er in Haft.

Das Sondergericht Braunschweig verurteilt ihn, Theodor Holland und Albert Wolf am 7. Dezember 1936 zu einer viermonatigen, Auguste Beuse zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe.

In dem Urteil des Sondergerichts Braunschweig werden besonders die gemeinsamen Gespräche über die Bibel, ihren Glauben nach den „Auslegungen und Zielen der Internationalen Bibelforschervereinigung“ (Zeugen Jehovas) gerügt. Durch den Gedankenaustausch habe man „sich gegenseitig in ihrer Glaubensanschauung als Bibelforscher“ gestärkt und „gleichzeitig den Mitgliederzusammenschluss der verbotenen Gesellschaft zu einer organisierten Vereinigung“ gefördert.

Arno Stoy wird am 3. Januar 1937 aus der Haft entlassen. Für das Urteil und die Zeugengebühren werden ihm 296,58 RM in Rechnung gestellt. Da seine Firma zahlungsunfähig ist, bittet er darum in Raten zahlen zu dürfen.

Offener Brief der Zeugen Jehovas vom 20. Juni 1937

Zehntausende Exemplare des sogenannten Offenen Briefes der Zeugen Jehovas vom 20. Juni 1937 werden an einem Tag in ganz Deutschland verbreitet. Der Brief beschreibt die brutalen Verfolgungspraktiken der Nationalsozialisten, sowie die menschenverachtenden Zustände in den Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern.  

Nach der Verteilung des Offenen Briefes kommt es zu einer großen Verhaftungswelle.

Da auch Arno Stoy an der Verteilung des Offenen Briefes teilnimmt, wird er im November 1937 in Magdeburg erneut inhaftiert.

Aus der Haft schreibt er am 9. November 1937 einen Brief an seine Frau und erteilt ihr eine Vollmacht zur Auflösung seines Geschäfts.

Aus dem Protokoll der Beschuldigten-Vernehmung von Arno Stoy vom 23.11.1937 (Magdeburg) geht hervor, dass er 24 Exemplare des Offenes Briefes in Halberstadt verteilt hat und das letzte Exemplar seiner Familie übergab.

Arno Stoy schreibt am 2. Dezember 1937 einen Brief aus dem Gerichtsgefängnis Magdeburg an seine Frau und Kinder,dass er jetzt in Untersuchungshaft des Sondergerichts in Halle sitzt.

Verhaftung von Elfriede und Irene Stoy

Inzwischen ist die restliche Familie ins Visier der SA und Gestapo geraten. Seine Tochter Irene Stoy holt die SA am 4. Dezember ab und bringt sie ins Harzburger Amtsgerichts-Gefängnis. Ihr Sohn Winfried wird von einer Gemeinde-Schwester zu einer Familie in Harlingerode gebracht.

Auch Arno Stoys Frau Elfriede wird verhaftet und in Harzburger Amtsgerichts-Gefängnis gebracht. Dort trifft sie Ihre Tochter.

Da sich die Familie in einer wirtschaftlichen Notlage befindet, muss sie aus der bisherigen Wohnung ausziehen und eine neue Wohnung suchen.

Am 20. Dezember 1937 schreibt Arno Stoy an seinen Sohn Siegfried aus dem Gefängnis in Magdeburg, dass er inzwischen die Anklageschrift erhalten habe. Er schlägt vor, dass sie, wenn nötig, das Sofa und den Tisch vom Werkstattboden und das Rollschränkchen verkaufen sollen.

Er wäre zwar nicht mehr mit Bibelforschern in einer Zelle, aber er und seine zwei Zellengenossen würden sich gut vertragen.

In dem Brief aus Magdeburg am 10. Januar 1938 bedauert er zwar, dass seine Frau und seine Tochter ebenfalls verhaftet wurden, ist aber froh, dass sie in demselben Gefängnis untergebracht sind. Er habe bei seiner Taufe 1923 „nicht geglaubt, dass solch harte Prüfungen über uns kommen würden“. Er schreibt auch von „bitteren Zweifeln in seinem Kopf“, die ihm „viel Schmerzen bereiten“. Er hofft, dass Gott ihm die Kraft geben wird, „in Treue das menschliche Urteil hinzunehmen“.

Gerichtsurteil des Sondergerichts Halle am 14. Januar 1938

Das Sondergericht Halle tagt am 14. Januar 1938 in Magdeburg und verurteilt Arno Stoy zu einem Jahr und neun Monaten.

Einen Tag (15. Januar 1938) später schreibt er, dass er seine Familie sehr vermisst und doch noch auf eine zukünftige Stunde der Freude hofft. Mit Gottes Hilfe würde noch alles gut werden. Allerdings täte es weh, nur als „Gesindel und schwachsinnig angesehen“ zu werden. Auch bedauert er, dass es an der Entwicklung seines Enkelsohns keinen Anteil haben könne.

Am 5. März 1938 berichtet er von seinem Arbeitseinsatz als Bürstenmacher. Er müsse nun 10 Fußabtretermatten in Schachmuster pro Tag anfertigen und erhalte dafür 14 Pfennig. Bei der Vernehmung habe er erfahren, dass ca. 80 Glaubensgeschwister in Haft sind. Er übermittelt seinem Enkel zum ersten Geburtstag herzliche Segenswünsche und hofft ihn einmal zu sehen. Allerdings ahnt er schon, dass er nach Strafverbüßung noch weiter in ein Schulungslager geschickt werden könne. Er hoffe bald von seiner Familie Positives zu hören. Man solle ihm aber wahrheitsgemäß schreiben und nichts schönfärben.

Strafgefängnis Hoheneck

Zwischenzeitlich wurde Arno Stoy ins Strafgefängnis Hoheneck im Erzgebirge verlegt.

In seinem Brief vom 17. April 1938 teilt er mit, dass er sich nun in einem alten Schloss im Erzgebirge befinde und die Möglichkeit besucht zu werden, damit unmöglich sei. Er wiege 126 Pfund. Er sei nun Zuputzer in der Zuputzküche (u.a. Porrée schneiden) und damit das „jüngste Küchenmädchen.“ Seinen Aufenthaltsort könne man das „Schloss des Schweigens“ nennen.

Gefängnis Hannover

Den nächsten Brief schreibt er aus dem Gefängnis in Hannover, Zelle Nr. 259 am 22. Mai 1938:

Da er am 27. Mai 1938 als Zeuge geladen sei, könne er einen Zusatzbrief schreiben. Auf der Zugfahrt sei er über Halberstadt und Werningerode gekommen. Besonders schwer sei es gewesen, dass er in Bad Harzburg eine halbe Stunde Aufenthalt gehabt hätte, aber keine Möglichkeit bestand, seine Frau zu sehen. Dies sei sehr schmerzlich für ihn gewesen. Er deutet an, dass seine Frau krank sei. Er habe unterwegs auch viele andere Schicksale anderer Menschen erlebt.

Weiterhin sich im Gefängnis Hannover befindend schreibt er am 25. Juni 1938, dass seine Bitte in die Nähe seines Heimatortes verlegt zu werden, abgelernt worden sei. In diesem Brief fällt auch der Satz, der als Thema der Gedenkveranstaltung für Arno Stoy gewählt wurde: „Dass es uns einmal so hart trifft, hatten wir seiner Zeit wohl beide nicht gedacht“. Er bedauert, dass sie sich nun nicht mehr einander beistehen können. Er bringt weiterhin die Hoffnung zum Ausdruck, dass für die Familie auch wieder die Sonne scheinen wird.

In Hannover befände er sich allein in einer Zelle. Anfangs habe er keine Arbeit gehabt, aber inzwischen hätte er das Stuhlsitzflechten gelernt.

In Hoheneck seien 58 Personen im Schlafraum und beim Mittagessen 30 Personen, die auf Kommando schweigend Kartoffeln pellen und auch mit dem Essen anfangen. In Hannover könne man die Beamten noch ohne Repressalien mit „Guten Morgen“ begrüßen. In Hoheneck müsse der Gruß schweigend in militärischer Haltung ausgeübt werden.

Krankenhaus Strafgefängnis Hoheneck

Am 7. August 1938 schreibt er seiner Familie aus dem Krankenhaus des Strafgefängnisses Hoheneck. Er sei in den letzten 3 1/2 Wochen sehr krank gewesen, wie noch nie in seinem Leben. Außer schmerzenden Geschwüren am linken Oberschenkel und am linken Handgelenk, habe es sich in Gallenblasenleiden hinzugezogen. Das Fieber und die Schmerzen seien abgeklungen und er fühle sich schon besser. Er werde bald wieder zu den anderen Häftlingen kommen. Er wiege 56 kg.

Bitte um Bild seiner Familie

Am 4. September 1938 (Strafgefängnis Hoheneck, Post Stollberg im Erzgebirge) bittet er um ein Foto von seiner Familie, damit er sie wenigstens per Bild wieder einmal sehen könne. Er sei riesig gespannt, wie sein Enkel Winfried „herausgemacht“ [gewachsen sei] habe.

Entzug zum Führen eines Kraftfahrzeuges

Arno Stoy erhält am 19. September 1938 Post vom Braunschweigischen Finanzminister. Darin wird erklärt, dass seine Beschwerde vom 28. Juli 1938 gegen das Verbot zum Führen eines Kraftfahrzeuges verspätet eingetroffen sei. Die Beschwerde sei auch nicht sachlich begründet. Er sei zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet, da er auf Reisen auswärtige Anhänger der Zeugen Jehovas besucht und dadurch den illegalen Aufbau dieser Vereinigung gefördert habe. Die Erlaubnis sei ihm zu Recht entzogen worden.

Aufforderung zur freiwilligen Beantragung der Firmenlöschung

Inzwischen ist das Familienfoto bei ihm eingetroffen und er bedankt sich am 9. Oktober 1938 dafür. Die Übersendung des Bildes habe ihm große Freude bereitet und wirklich gutgetan.

In seinem Brief vom 4. Dezember 1938 berichtet er, man habe ihn aufgefordert, die Löschung der Firma zu beantragen. Falls er dieses nicht täte, drohe ihm eine Geldstrafe. Er habe sich 14 Tage Bedenkzeit ausgebeten. Er verstehe nicht, warum er alle wirtschaftlichen Brücken durch „eigenen Antrag“ abbrechen solle, wenn er sich nach seiner Haft wieder in die Volksgemeinschaft eingliedern solle. Seine Machtlosigkeit sei ihm bewusst, aber durch „‚Selbstantrag‘“ wolle er sich doch nicht selbst vernichten.

Seine kriminellen Mithäftlinge würden von einer Weihnachtsamnestie sprechen. Er glaube nicht daran, weil doch aus Hitler Buch „Mein Kampf“ hervorgehe, dass dieser Amnestie für Schwäche hielte. „In Saarbrücken“ hätte Hitler erklärt, „dass er sich dem Begehren des Auslands um die Gefangenenfreilassung widersetzt, weil sich in seiner eigenen Haftzeit auch niemand um seine Befreiung bemüht“ hätte.

Am 15. Januar 1939 erklärt Arno Stoy, dass er nun die Firmenlöschung beantragen musste. Seine Frau könne aber weiterhin Aufträge ausführen, ohne dabei den Firmenstempel zu benutzen. Sie solle nur mit ihrem Namen unterschreiben.

Er könne mit einer Freilassung nicht hundertprozentig rechnen. Er sehe der „Zukunft aber nicht hoffnungslos entgegen“ und bitte sie, auch nicht den Mut sinken zu lassen.

Brief an seinen Sohn Siegfried

Sein Sohn Siegfried wurde zum Wehrdienst eingezogen. Arne Stoy schreibt am 29. Januar 1939 an ihn, dass er sich über ein Lebenszeichen von ihm freuen würde, auch wenn er selbst aufgrund der Schreibbeschränkung nicht so oft antworten könne.

Anscheinend macht er auf das Ansehen eines Soldaten im Vergleich zu einem Kriegsdienstverweigerer in diesem Satz aufmerksam: „Es liegt darin doch ein gewaltiger Unterschied, denn Du gehörst zu dem Stolz und der Freude der 80 Millionen und ich nur zu dem Auswurf der in einem der Müllkästen ist.“

Er hofft noch immer in sechs Monaten und sechs Tagen freizukommen.

Auflösung des Strafgefängnis Hoheneck

Am 16. Juli 1939 teilt er seiner Frau mit, dass das Strafgefängnis Hoheneck bis zum 1. August 1939 geräumt würde, da nun ein anderer Verwendungszweck vorgesehen sei. Da seine Haft am 6. August 1939 normalerweise ende, wisse er noch nicht, ob er mit den anderen Häftlingen zusammen Hoheneck verlassen werde. Er gäbe ihr Bescheid, falls er dann in ihre Nähe kommen würde, damit sie ihn besuchen könne. Er wisse noch nicht, ob er tatsächlich entlassen würde, da die Beurteilung der Gestapo noch ausstehe. Er habe sich „in der Strafzeit Mühe gegeben, keinen Anstoß durch sein Verhalten zu erregen“.

Polizeigefängnis Chemnitz

Aus dem Polizeigefängnis Chemnitz schreibt er 8. August 1939, dass er seiner Frau nun wieder eine bittere Enttäuschung bereiten musste. Seit Freitagnachmittag befände er sich in vorläufiger Verwahrung. Er sei zwar vernommen worden, habe aber noch keinen Schutzhaftbefehl erhalten.

Konzentrationslager Sachsenhausen, Oranienburg

Die Familie erhielt monatelang kein Lebenszeichen von ihm. Am 1. Oktober 1939 sendet Arno Stoy einen zehnzeiligen Zensur-Brief mit Poststempel vom 10. Oktober 1939.

Er teilt seiner Frau mit, dass er sich seit dem 17. August 1939 im KZ Sachsenhausen, Oranienburg bei Berlin befände. Er sei gesund und habe ihren Brief vom 23. August nachgeschickt bekommen.

Auf der Karte war der folgende Text gestempelt:

„Der Schutzhäftling ist nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher und weigert sich, von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen. Aus diesem Grunde ist ihm lediglich die Erleichterung, den sonst zulässigen Briefwechsel zu pflegen, genommen worden.“

[Anmerkung zum KZ Sachsenhausen: Häftlinge wurden in der Regel misshandelt. Sie litten unter Hunger, Krankheiten und Mangelernährung. Es gab dort sich ständig wiederholende und auch unvorhersehbare Mordaktionen.]

Letzter Brief vom 4. Februar 1940 aus dem KZ Sachsenhausen

Arno Stoy schreibt am 4. Februar 1940 einen Brief an seine Frau und seine Kinder, in dem er sich für ihre Briefe vom November und Dezember 1939 bedankt, sowie für die Geldsendung am 13. Januar 1940. Er bittet darum, dass man ihm Briefmarken mitschicken solle, falls dies in „wirtschaftlicher Hinsicht eine Antwort“ erfordern sollte.

Möglicherweise ahnt er schon, dass er nicht mehr lange zu leben hat, denn er schreibt: „Bewahrt mir ein treues Gedenken…“

Sein Sohn Siegfried Stoy vermerkt auf diesen Brief, dass es das letzte Lebenszeichen seines Vaters sei. Der Brief sei am 16. Februar 1940 abgestempelt.

Am 14. Februar 1940 sei seine Mutter persönlich durch einen Gestapomann aus Bad Harzburg über den Tod ihres Mannes informiert worden. Als Todesdatum habe dieser am 13. Februar 1940 um 5 Uhr (lt. Sterbeurkunde 16:30 Uhr) angegeben. Der Gestapomann habe dies seiner Mutter auf ihre Bitte hin, schriftlich gegeben.

Der Text des Stapobeamten Lutze am 14.2.1940 betreffend Arno Stoy lautet:

„Verstorben am 13.2.40 um 5 Uhr an Körperschwäche im [KZ] Sachsenhausen. Die Leiche kann von den Angehörigen bis zum 15.2.40 im [KZ] Sachsenhausen besichtigt werden. Die Einäscherung erfolgt auf Staatskosten. Die Urne kann von den Angehörigen vom Krematorium in Fürstenberg (Mecklenburg) nach dem von den Angehörigen bestimmten Friedhof auf schriftliche Anforderung überführt werden.

In diesem Falle ist die Überführungsgebühr von 3,- RM und eine Bescheinigung der in Frage kommenden Friedhofsverwaltung, dass eine Stelle für die Urnenbeisetzung vorhanden ist, vorzulegen. Sonst wird die Urne von Amtswegen im Urnenhain des Krematoriums kostenlos beigesetzt.“

Bescheid der Entschädigungsstelle in Braunschweig

In einem Bescheid der Entschädigungsstelle in Braunschweig vom 24.3.1955 heißt es:

„Der Fabrikant Arno Stoy …, verstorben am 13.2.1940 im KZ Oranienburg/Sachsenhausen … ist aus Gründen des Glaubens verfolgt worden, hat Schaden an Freiheit erlitten und ist durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen getötet oder in den Tod getrieben worden.“

Gedenktafel Harzburg

Am Eingang des Bad Harzburger Friedhofs wurde am 29. Juni 1999 eine Tafel mit den Namen von 14 Opfern des NS-Regimes angebracht. Auch Arno Stoys Name befindet sich darunter.

(Bild: Karlo Vegelahn)

Beschluss des Bundestages für Errichtung eines Mahnmals für Zeugen Jehovas als NS-Verfolgte

Der Deutsche Bundestag hat die Errichtung eines Mahnmals für die Zeugen Jehova als Opfergruppe des Nationalsozialismus in Berlin beschlossen.

Alle Fraktionen billigten einen gemeinsamen Antrag von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Die Abstimmung beruht auf einer Beschlussempfehlung des Ausschusses für Kultur und Medien.

Verabschiedung

Am Ende der Gedenkfeier bedankte sich die pax-Christi-Gruppe für das Kommen, die Hilfe und Gastfreundschaft der Luthergemeinde, die finanzielle Unterstützung der Bad-Harzburg-Stiftung, den Musikern und dem Enkel des verstorbenen Arno Stoy: Winfried Köhler.

Die Veranstaltung endete mit Musik.

(c) Copyright Ingeborg Lüdtke

Mit freundlicher Genehmigung von: Markus Weber (Pax Christi Nordharz) und Winfried Köhler (Enkel von Arno Stoy)

Fotos: Markus Weber, Karlo Vegelahn und Pax Christi Nordharz

Weiterführende Literatur:

Weber, Markus: »Aber vergesst nur nicht noch, dass Ihr zum Leben in der Welt seid« -Die Verfolgung des Harzburger Zeugen Jehovas Arno Stoy, Lukas Verlag, Berlin 2026

https://www.lukasverlag.com/programm/titel/aber-vergesst-nur-nicht-noch-dass-ihr-zum-leben-in-der-welt-seid.html

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Frauen-KZ Moringen

Radiosendung aus 2002 bearbeitet, nun in einer Sendung. Gesendet am 1.2.2025

(Anfangsgeräusche)

Sprecherin:

Der 27.Januar wurde von Roman Herzog zu einem Gedenktag erklärt. Der 27. Januar ist ein „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Ich möchte Sie deshalb einladen, sich gemeinsam mit mir an das Frauen-KZ Moringen zu erinnern. Erinnern möchte ich durch Gespräche mit Zeitzeuginnen, Historikern und Dokumenten.

Drei Konzentrationslager (1933-1945)

Sprecherin:

Moringen ist eine ganz normale Kleinstadt in Süd-Niedersachsen bei Göttingen. In dem Werkhaus Moringen, mitten in der Stadt gab es seit dem 11. April 1933 ein frühes Konzentrationslager. Eigentlich waren es drei aufeinander folgende Konzentrationslager:

Der Historiker Jürgen Harder bemerkt in seiner Magisterarbeit dazu:

„Die Konzentrationslager in Moringen sind nicht alleine zu betrachten. Sie wurden im Provinzialwerkhaus in Moringen gegründet. Dieses war ein Werkhaus welches bereits lange Jahre zuvor bestand, so dass im April 1933 ein sogenanntes frühes KZ eingerichtet werden konnte. Dieses KZ bestand bis November 1933. Bereits im Sommer desselben Jahres wurden die ersten weiblichen sogenannten Schutzhäftlinge in ein eigens für sie eingerichtete Frauenschutzhaftabteilung inhaftiert. Von Ende 1933 bis Anfang 1938 wurden im den Gebäuden des Werkhauses ein Frauen-KZ unterhalten. Es folgte von 1940 bis zum Ende des sogenannten Dritten Reiches ein Jugend-KZ für männliche Jugendliche. Ein Pendant sozusagen für weibliche Jugendliche bestand in Uckermark bei Ravensbrück.“

Noch keine Häftlingskleidung und keine Winkel

Sprecherin:

Der Historiker Hans Hesse erklärte zum Frauen-KZ folgendes:

„Dieses erste Frauen-KZ unterschied sich noch ganz erheblich von späteren wie z.B. Ravensbrück oder auch Auschwitz. So gab es in Moringen beispielsweise noch keine Häftlingskleidung und noch keine Winkel…. Und die SS bewachte dieses KZ auch noch nicht. In dieses erste Frauen-KZ kamen aber bereits Frauen, die wir bereits von den späteren Häftlingskategorien kennen. Insgesamt ca. 1350 Frauen in 5 Jahren von 1933 bis 1938.“

(Musikakzent)

Haftgründe

Sprecherin:

Mit Jürgen Harder sprach ich über Gründe, die zur Verhaftung führten.

Jürgen Harder:

Dafür gab es vielerlei Gründe. Es waren vielfach Übertretungen gegenüber den nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen. Aber es konnte auch viel subtiler geschehen. Es reichte bereits in Gegenwart von anderen Personen gegen das Herrschaftssystem dem Führer oder Angehörigen ihres Machtapparates sich negativ zu äußern. Weitere Gründe waren die Verweigerung der Kriegsdienstes bzw. die Unterstützung des Mannes in seiner Intension. Weitere für die Inhaftierung in ein Schutzhaftlager war die politische Betätigung als Kommunistin z.B. oder Sozialdemokratin, grundsätzliche Verweigerungshaltung gegenüber den Machtansprüchen des Staates z.B. den Bibelforscherinnen, die Verweigerung des Luftschutzdienstes. Es gab sogenannte Luftschutzbeauftragte, in jedem Block, der zudem noch durch Blockwarte kontrolliert wurde. Wohnblock ist hiermit gemeint. Da sind verschiedene Arbeiten mit verbunden, die sind rein organisatorischer Art. Das z.B. Wassereimer bereitgestellt werden mussten. Es mussten Übungen abgehalten werden. Als Vorbereitung auf den kommenden Krieg und das bereits viele Jahre bevor der Krieg offiziell wurde. Weitere Gründe für eine Inhaftierung waren Weigerungen zu spenden. Offiziell waren das freiwillige Spenden, aber inoffiziell war es eine Zwangsmaßnahme, z.B. für das Winterhilfswerk zu arbeiten und zu spenden, für die verschiedenen Massenorganisationen und der finanziellen Nöte so zu sagen einzutreten. Viele Gründe für die Inhaftierungen leiten sich auch aus den sogenannten Häftlingsgruppen ab.

Häftlingsgruppen

Sprecherin:

Welche Häftlingsgruppen gab es im Frauen-KZ Moringen?

Jürgen Harder:

„Also in Moringen speziell gab es Kommunistinnen, Sozialdemokratinnen, sogenannte Remigrantinnen, das waren Jüdinnen und in männlichen Lagern auch Juden, die erst emigriert waren und nach einer gewissen Zeit dachten, die Verhältnisse in Deutschland hätten sich beruhigt und sie könnten zurück in ihre alte Heimat. Die wurden in Haft genommen und in Schutzhaftlager, sprich KZ eingewiesen bis sie entweder wieder abgeschoben bzw. die Abschiebung erkaufen konnten oder halt später in andere Lager mitunter auch in Vernichtungslager abgeschoben wurden. Weitere sind Rassenschänderinnen.“

Sprecherin:

Rassenschänderinnen waren Frauen, die mit Juden verheiratet waren oder eine außereheliche Beziehung mit ihnen eingingen.

Jürgen Harder:

„Des weiteren kamen Prostituierte dazu, sogenannte Berufsverbrecherinnen, das waren Frauen, die mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, die nationalsozialistische Gesetze waren, sprich mehrfache kleinere Übertretungen konnten zu einer Stigmatisierung und Kriminalisierung als Berufsverbrecherinnen führen. des weiteren eine sehr defuse Gruppe, die sogenannten Staatsfeindlichen, sprich die sich difiltistisch oder staatsfeindlich geäußert hatten, und von Bekannten oder auch persönlichen Feinden denunziert worden waren. Die sogenannten Staatsfeindlichen waren eine erhebliche Gruppe. Dabei muss man auch sagen, dass es oft nicht klar zu trennen ist. Kategorisierungen wurden vielfach von den Nationalsozialisten vorgenommen und somit muss man sie mit äußerster Vorsicht betrachten. Besonders bei den sogenannten Asozialen. In Moringen waren mehrere minderjährige Frauen inhaftiert, die nicht in die Fürsorge sollten, weil sie als sogenannte Asoziale von denen abgelehnt wurden. Einige von ihnen wurden später sterilisiert. Zwangssterilisiert wohl bemerkt. Weiterhin waren in Moringen Lesbierinnen. Wobei sie aber nicht offiziell als Lesbierinnen inhaftiert waren, sondern unter einem anderen Vorwand verhaftet oder inhaftiert wurden. Bei der einen Frau war es so, dass sie kommunistischer Umtriebe sozusagen beschuldigt wurde. Eine andere war zusätzlich noch eine Halbjüdin und damit doppelt und dreifach unter Verfolgungsdruck.“

(Musik)

Sprecherin :

Laut Dr. Hans Hesse gab noch eine weitgrößere Häftlingsgruppe:

Die größte Gruppe stellten die Zeuginnen Jehovas. Die Zahlen schwanken allerdings ganz erheblich, so sind für die Jahre 1933 und 1934 noch keine Einlieferungen bekannt. doch im Dezember 1937 stellten die Zeugen Jehovas plötzlich mit nahezu 90% aller Häftlinge, die weitaus größte Zahl.“

Sprecherin:

Hilde Faul, Anni Pröll, Ännie Dickmann und Erna Ludolph  berichten nun über Ihre persönlichen Haftgründe.

Die Kommunistin Hilde Faul berichtet:

„Verhaftet bin ich worden am 15.8.33. Also ich war noch nicht ganz 18 Jahre. Bin ich verhaftet worden und zwar weil ich im kommunistischen Jugendverband war. Wir haben Plakate … geklebt gegen die Faschisten und alles weitere auch noch. Wir haben eine kleine Demonstration gemacht …Dann war ich bis 1934 in Schutzhaft, dann war ein großer Prozess gegen Jugendliche, alles Mitglieder des kommunistischen Jugendverbands. Der Prozess war 1934 und da bin ich zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und die 8 Monate hab ich dann in der Strafanstalt Eichach verbüßt und nach der Strafverbüßung bin ich wieder in Schutzhaft gekommen und zwar war ich da im Landgerichtsgefängnis Landshut und von dort aus bin ich dann ins KZ-Moringen gekommen. Also das war Ende 1935/Anfang 1936 so genau weiß ich dass nicht mehr. Bis zu meiner Entlassung am 2. Mai 1937, war ich im KZ Moringen.“

Sprecherin:

Die Kommunistin Anni Pröll war 1936/37 in Moringen inhaftiert:

„Ich hatte schon eine Haftstrafe von 21 Monaten hinter mir, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und es war damals schon so üblich, dass die Gestapo die Häftlinge von den Haftanstalten abholten und dann nach Moringen brachten.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann kam im Herbst 1937 nach Moringen. Hans Hesse hat mit ihr gesprochen:

Hans Hesse:

„Wie ist es denn zu ihrer Verhaftung gekommen?“

Änne Dickmann:

„Ich habe meinen Mann Wäsche gebracht und dabei haben sie mich festgehalten.“

Hans Hesse:

„Warum?“

Änne Dickmann:

„Ja, wir hatten doch vorher 1936 den Offenen Brief verteilt und im Juni 1937 auch einen Brief an die Öffentlichkeit und die wurden bei uns Zuhause zurecht gemacht und aus den verschiedenen Versammlungen wurden sie bei uns abgeholt. Aber wir kannten uns nicht so ganz genau gegenseitig und ich hab wohl ein bisschen Kaffee eingeschenkt und dergleichen und der neben mir gesessen hat, der hat uns nachher verraten. Aber dann wurde er mir gegenübergestellt und da meinte er: ‚Ich weiß nicht, ob sie das ist. Ich meine sie wäre größer und dicker gewesen.’ Und ich habe so getan, ob ich ihn nicht kenne. Ich habe ihn wohl angekuckt und habe mich nicht mehr dran gestört, was er gesagt hat und daraufhin hatten sie keinen Grund mich jetzt vor Gericht zu bringen. Nein, weil sie nicht beweisen konnten, dass ich jetzt wirklich dabei gewesen bin oder dass sie bei uns gewesen waren und da kam ich sofort ins KZ.!

In dem Offenen Brief heißt es auszugsweise:

„Seit vielen Jahren haben wir, Jehovas Zeugen, früher Bibelforscher genannt, in Deutschland unseren Volksgenossen die Bibel und ihre trostreichen Wahrheiten gelehrt und dabei in selbstloser Weise zur Linderung materieller und geistiger Not Millionen verausgabt. Als Dank dafür sind Tausende von Zeugen Jehovas in Deutschland aufs grausamste verfolgt, mißhandelt und in Gefängnisse und Konzentrationslager eingesperrt worden. Trotz größtem seelischen Druck und trotz sadistischer körperlicher Mißhandlung, auch an deutschen Frauen, Müttern und Kindern im zarten Alter, hat man in vier Jahren nicht vermocht, die Zeugen Jehovas auszurotten; denn sie lassen sich nicht einschüchtern, sondern fahren fort, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, wie es seinerzeit die Apostel Christi auch taten, als man ihnen verbot, das Evangelium zu verkündigen. (…)“

(Musikakzent)

Sprecherin:

In dem Film „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg wird über die Verhaftung der Zeugin Jehovas Erna Ludolph berichtet:

‚Und dann sehe ich mit einem Mal auf der Straße zwei Männer stehen. Mit Rädern und da schoss mir durch:´ Die stehen für Dich da. Was machst Du? `Da war ich nicht mehr in der Lage noch ein Haus aufzusuchen und hab erst gedacht: `Fährst Du entgegengesetzt? Nein. Nicht fliehen, dass ist eine unnötige Jagerei. Die sind Dir überlegen. Du fährst geradeaus. Du wirst sehen, entweder stehen sie für Dich da und lässt es an Dich herankommen.’ Entweichen konnte ich nicht und hab den Tatsachen ins Angesicht geschaut. Hieß es von Rad absteigen und hat ich ja noch einige bei mir und jetzt, war ja jetzt in Sichtweite. Und dann wurde ich gefragt, ob ich da oben gewesen wäre. Ja, der Pastor hat Meldung gemacht. Somit wusste ich dann, dass es der Pastor war, der mich da möglicherweise gesehen hat.

Sammeltransport und erster Eindruck in Moringen

Sprecherin:

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann erinnerte sich im Gespräch mit Hans Hesse an den Sammeltransport nach Moringen und an ihren ersten Eindruck vom Frauen-KZ.

Hans Hesse:

„Wann sind Sie denn nach Moringen gekommen?“

Änne Dickmann:

„Im Oktober 1937 über Kassel per Sammeltransport. Zuerst im Gefangenenwagen. Dann habe ich übernachtet in Kassel, wo es sehr sehr schmutzig war. Unglaublich schmutzig.“

Hans Hesse:

„Sie waren nicht alleine?“

Änne Dickmann:

„Nein, es waren mehrere und als wir abends ankamen in Kassel, da waren hohe Betten übereinander. Da lagen welche am Boden im Stroh und da bin ich reingekommen und habe geguckt. … was das hier wohl werden soll. Ich habe mich auch nicht hingelegt und so eine Weile später fragte jemand, wer ich wäre, warum ich da wäre. Da hab ich gesagt: ‚Ich bin ein Zeuge Jehovas.’ ‚Ich auch.’ ‚ Ich auch’. ‚Ich auch.’ Da waren etliche. Und dann kamen wir zusammen nach Moringen.“

Hans Hesse:

„Was war so ganz spontan Ihr erster Eindruck?“

Änne Dickmann:

„Ja, was soll ich da sagen. Man kommt einfach in einen großen Raum, wo schon viele sind, viele Zeugen Jehovas, nich? Alles war eng zusammengepfercht und auf Stühlen oder Kisten lagen Bretter.“

(Musikakzent, länger)

Verpflegung

Sprecherin:

Die Frauen mussten auch verpflegt werden. Jürgen Harder schreibt:

„Das Essen war dürftig. Geprägt von Eintopf und Mangelwirtschaft.“

Sprecherin:

Dies wird auch durch eine Aussage von Anni Pröll bestätigt:

„Ich war dann mit 17 verhaftet, hatte dann wenig zu essen, da braucht man ja auch etwas zum Aufbau und das hatte ich nicht.“

Sprecherin:

Änne Dickmann erzählte, das Essen:

„… schmeckte nach Soda.“

Hans Hesse:

„Konnten Sie sich was zu den Lebensmitteln dazukaufen?

Änne Dickmann:

„Damals ja, wer Geld hatte konnte sich etwas kaufen.“

(Musik-Akzent)

Haftbedingungen

Sprecherin:

Jürgen Harder berichtet weiter über die Haftbedingungen:

„Die Haftbedingungen im KZ Moringen waren noch nicht so schlimm wie in den späteren Vernichtungslagern der späteren Phase. Die Unterbringung der Frauen erfolgte in überfüllten Räumen, die aufgrund der Enge teils klaustrophobische Anfälle bei den Frauen hervorrief. Bedeutete dass die Frauen sehr unter der Enge, unter der steten Präsenz von anderen Menschen litten. Psychisch war es eine sehr schwere Situation für sie. Zu dem kam im Winter erhebliche Kälte. Sie wurden unterm Dach des Gebäudes untergebracht. teilweise konnten sie die Sterne sehen, es schneite herein, die Decken waren nicht ausreichend. In den Zimmern standen Latrinenkübel, die nur einmal ausgeleert wurden am Tag. Im Tagesraum, wo sie den ganzen Tag über sitzen mussten, hatten sie einen festen Platz, den sie nicht verlassen durften. Daraus leitet sich auch der Begriff der sogenannten Lehne ab. Die Stühle der Frauen hatten keine Rückenlehnen, (sondern) sie mussten jeweils Rücken an Rücken sitzen. Die hinter ihr sitzende Frau war die sogenannte Lehne.“

Sprecherin:

Dies erlebte auch Anni Pröll:

„… das war eine sehr starke Beengung. Wir saßen eng nebeneinander, das Lager wurde ja dann zu klein für die vielen Einlieferungen.“

Sprecherin:

Änne Dickmann erinnerte sich gegenüber Hans Hesse::

Hans Hesse:

„Zu wievielt waren Sie da in dem Raum?“

Änne Dickmann:

„70, 80 denke ich.“

Hans Hesse:

„Was waren das für Frauen, mit denen Sie zusammen waren?“

Änne Dickmann:

„Alles, Alte und Junge.“

Hans Hesse:

„Waren das überwiegend ältere Frauen?“

Änne Dickmann:

„Ja, so Mittelalter: 50, 60 waren viele. Es waren auch viele Junge.“

(Musikakzent)


Sprecherin:

Fast alles spielte sich im Tagesraum ab: essen, frisieren, handarbeiten, ausziehen und anziehen.

Die Frauen trugen noch ihre Privatkleidung.

Jürgen Harder:

„In Moringen wurde noch keine Häftlingskleidung getragen. Die Frauen konnten ihre Privatkleidung tragen. Die Häftlingskleidung kam erst in späteren Lagern.“

Täglicher Hofrundgang

Sprecherin:

Wie gesagt: Fast alles spielte sich in den Tagesräumen ab. Doch es gab für die meisten Häftlinge auch einen täglichen Rundgang auf dem Hof.

Jürgen Harder:

„Zweimal am Tag wurden sie für eine halbe Stunde zum Rundgang auf den Hof geführt.“

Sprecherin:

Auch Änne Dickmann nahm an dem täglichen Rundgang teil:

„Ich weiß nur, dass wir immer im Kreis gelaufen sind und ziemlich schnell, damit wir ein bisschen Bewegung hatten.“

Sprecherin:

Nicht jeder durfte an diesem Rundgang teilnehmen:

Jürgen Harder:

„Von Gertrud Keen habe ich hier ein Zitat über ihre Haftzeit in Moringen, worin klar wird, dass ihr selbst der kurze Hofgang verwehrt wird: ‚Und ich bin in der ganzen Zeit, in der ich da war nur einmal rausgekommen. Also ich hab von Moringern gehört, dass sie täglich eine halbe Stunde einen Spaziergang auf dem Hof hatten. Das habe ich nie erlebt. Wir sind nie auf den Hof gekommen. Ich habe diese beiden Räume, nämlich einen Schlafsaal und einen Esssaal -und Aufenthaltssaal habe ich nur gesehen. Ich hab da nichts gesehen, wir haben immer nur zum Fenster rausgekuckt.’“

Sprecherin:

Natürlich gab es auch in Moringen Zwangsarbeit. Allerdings unterschied sie sich in diesem KZ von den späteren Frauen-KZ´s.

Monotonie, Beschäftigung und Arbeitseinsätze

Jürgen Harder:

Der Alltag war besonders geprägt von Monotonie. In der Anfangszeit des KZ Moringen waren kaum Arbeiten vorhanden, da in der Region kaum Betriebe waren, wo größere Mengen von Häftlingen untergebracht werden konnten. Dennoch mussten sie arbeiten und zwar für das Winterhilfswerk Kleidung ausbessern und teilweise Arbeitseinsätze auf den Feldern rundherum in der Landwirtschaft. Diese Arbeiten wurden sogar teilweise als Befreiung empfunden, zumindest 1 oder 2 Std. am Tag aus diesen Räumlichkeiten herauszukommen.“

Sprecherin:

Von dieser Monotonie und Arbeitseinsätzen auf dem Feld berichtet Hilde Faul:

„Für die Bibelforscher (Zeuginnen Jehovas) hat es überhaupt nichts gegeben, überhaupt gar nichts. Sie haben ja noch nicht einmal lesen dürfen. Sie haben ja keine Zeitung gekriegt und nichts. Und für die übrigen Häftlinge nun ja erstens einmal im Sommer waren wir draußen. Wir haben auf dem Feld mitgearbeitet. Ich weiß gar nicht mehr, was da für Schonungen waren. Maulbeerbäume glaube ich waren das. Die mussten gepflegt werden und so weiter. Es gab da Seidenraupenanlagen. So genau weiß ich das auch nicht heute. Es hat viele bei gehabt, die die nicht mehr weiterarbeiten konnten. Und so weiter und unter denen war nämlich auch ich und die halt nicht draußen mitarbeiten konnten, die mussten sich halt drinnen selber beschäftigen. Nein und das haben wir ja auch weidlich gemacht. Wir haben Handarbeiten gemacht und was anders konnten wir ja nicht mehr. Wir haben viel gelesen … die Winterhilfsklamotten, die haben sie dann im Spätherbst gebracht und wir haben schon dran arbeiten müssen.“

Sprecherin:

Später mussten sich die Häftlinge selbst beschäftigen:

Auch Anni Pröll und Änne Dickmann beschäftigten sich selbst:

Anni Pröll:

„Wir konnten noch zusammen sprechen, wir hatten das Leidliche, das wir zu meiner Zeit sehr wenig beschäftigt wurden. Und es waren noch Frauen auf dem Feld draußen zur Feldarbeit eingeteilt, die dann aber auch eingestellt wurde und meine Vorgängerinnen, die hatten noch fürs Winterhilfswerk mit den Kleidern zu tun, aber das wurde dann auch eingestellt. Also für uns Häftlinge gab es dann keine Arbeit. Wir mussten uns oder konnten uns noch mit eigenen Handarbeiten versorgen.“

(Musikakzent)

Änne Dickmann:

„..alles eng zusammengepfercht und auf Stühlen oder Kisten lagen Bretter und saßen wir wie die Hühner auf der Stange den ganzen Tag auf dem Brett und dann wir sind zwischendurch mal in Hof mal um den Baum herum gelaufen. Wir durften Handarbeiten machen. Wir konnten uns Material von zu Hause schicken lassen und durften sie auch wieder zurückschicken.“

Änne Dickmann berichtete aber auch:

„Wir haben auch auswendig dann Bibelsprüche gelernt, ganze Psalmen auswendig gelernt.“

(Musikakzent)

Keine SS-Bewachung

Sprecherin:

Tagsüber wurden die Frauen bewacht.

Anni Pröll bemerkte dazu:

Wir hatten keine SS. Wir hatten nur diese Frauen, die uns bewachten von der NS-Frauenschaft. Wir hatten ziemlich intelligente Frauen auch da und diese Bewachungen, die haben uns eigentlich nichts anhaben können.

Sprecherin:

Abends wurden sich die Frauen selbst überlassen. Dieses nutzten die Frauen auch einmal, um sich zu vergnügen. Hilde Faul erzählte:

Fasching haben wir uns mit die Winterhilfsklamotten einmal alle maskiert, aber erst abends im Schlafsaal, als keine Aufseherin mehr da war, sonst nicht.“

Sprecherin:

Der gemeinsame Schlafsaal befand sich in der oberen Etage. Änne Dickmann und Hilde Faul erzählten:

Änne Dickmann:

„Zum Schlafen waren wir oben.“

Sprecherin:

„Kommunisten, ZJ und SPD waren alle im gleichen Schlafraum?“

Hilde Faul:

„Ja, aber tagsüber die Aufenthaltsräume, die waren getrennt. Da waren die politisch Verfolgten, denn es waren nicht bloß Kommunisten. Wir haben ja auch SPD-Frauen gehabt und später ist ja alles möglich noch dazugekommen: Asoziale und sowas, das hat man ja systematisch dann gemacht, das war später dann. Aber am Anfang waren wir bloß wirklich die SPD-Genossinnen und wir Kommunisten. Das war anfangs und dann später hat sich das irgendwie gemischt und für die Bibelforscher war extra ein Raum da. Und für die jüdischen Häftlinge war auch ein Extra-Raum. Das dürfte es gewesen sein. Und dann war da in Moringen noch ein Raum. Ein Haftraum so als Strafraum.“

Sprecherin:

Über die Zustände in dem Schlafraum schrieb Hanna Elling:

(Zitat Hanna Elling-O-Ton Jürgen Harder): „Die Nächte waren schwer zu ertragen, wir schliefen in je zwei übereinander gestellten Betten unter dem Dach. Der Raum war nicht heizbar und in der Mitte stand ein großer Kübel.“

Gutes Verhältnis untereinander, teilen von Paketinhalten

Sprecherin:

Bei so vielen Menschen auf engsten Raum fragt man sich: Wie war das Verhältnis der Häftlinge untereinander?

Für die Kommunistin Hilde Faul war das kein Problem:

Hilde Faul:

„Sie müssen die Zusammensetzung sehen, damals als ich nach Moringen gekommen bin, da waren wir alles fast nur politische Häftlinge. Und da haben wir drei Genossinnen von der SPD gehabt und die anderen waren alles Kommunisten. Und bei uns war der Kontakt kameradschaftlich. Da hat es überhaupt bei uns keine Diskussion gegeben und wir konnten ja auch von unseren Angehörigen Geld geschickt kriegen nach Moringen und ein Pakete kriegen und das war so selbstverständlich, dass das alles aufgeteilt wurde.

Sprecherin:

Anfangs konnten die Inhaftierten noch Pakete erhalten.

Hilde Faul:

Es waren ja viel Frauen dabei, deren Männer waren in Dachau, die hatten natürlich nie ein Paket oder etwas gekriegt, auch keinen Pfennig Geld, also das ist gut organisiert worden, dass jeder etwas hatte.“

Hilde Faul:

„Ich zum Beispiel alle paar Wochen 3 Mark gekriegt, das war damals ein Haufen Geld für meine Leute. Und habe alle 14 Tage ein Paket gekriegt.“

„Ja, das war erst später nicht mehr drin. In diesem Fall unterscheidet sich ja Moringen grundsätzlich von den nachfolgenden Lagern. Und da hatten wir eine Kameradschaft, wirklich kameradschaftliche Verhältnisse hatten wir da.


Sprecherin:

Auch die Zeugin Jehovas Änne Dickmann bestätigte, dass der Inhalt der Pakete geteilt wurde.

„Ja die nächste Gemeinschaft hat dann immer was abgekriegt“.

(Musik)

Gruppenidentität und Solidarität

Sprecherin:

Unter den Häftlingen gab es eine starke Gruppenidentität und Solidarität.

Jürgen Harder:

„Ja, die Gruppe der Zeugen Jehovas zeichnete sich durch eine starke Gruppenidentität aus, die für das Überleben in den Lagern unabdingbar war. Ähnliche Verhaltensweisen oder eine ähnliche Gruppenidentität lässt sich bei den politischen Häftlingen zum Beispiel finden.

Sprecherin:

Dies bestätigt die Kommunistin Anni Pröll:

„Im Bayernsaal hatten wir ein gutes solidarisches Verhältnis untereinander. Eine hat der anderen geholfen und auch wenn jemand traurig war, dort konnte man sich aussprechen, untereinander, das hat vielen in Moringen geholfen.

Ich saß ja im Bayernsaal, dort waren auch Frauen, die Mündnerinnen, Sie waren wegen ihren Männern drin, die auch sich politisch eingesetzt hatten, die teilweise in Dachau oder anderswo waren. Und es war so bei der Frau Maria Götz von München, deren Mann war in Dachau schon getötet worden. Also es waren für uns Zustände, dass wir uns gegenseitig getröstet haben, das wir einen ganz starken Zusammenhalt hatten. Und ich war damals eine der Jüngsten. Ich glaube als ich eingeliefert wurde, sogar die Jüngste und wurde von den Frauen sehr betreut.“

(Musikakzent)

Selbstmordversuche

Sprecherin:

Einige Frauen kamen mit der gesamten Situation nicht zurecht.

Über sie sagt Jürgen Harder:

„Aber die physische Situation der Frauen war anscheinend sehr bedrückend. So gab es mehrere Selbstmordversuche, wo wir allerdings nicht genau wissen wie viele davon erfolgreich waren.“

(Musik-Akzent)

Sprecherin:

Die inhaftierten Frauen litten unter der Trennung von den Familien.

Wie kamen aber die Familien ohne die Mütter aus?
Wer kümmerte sich zum Beispiel um die Kinder?

Katharina Thoenes und ihre zurückgelassene Famile

Katharina Thoenes war 1936/1937 in Moringen.
Sie war eine Zeugin Jehovas oder Bibelforscherin, wie man die Zeugen Jehovas damals nannte. Katharina Thoenes war Mutter von einem Sohn.

Hans Thoenes antwortete mir auf die Frage, wer sich um ihn gekümmert hat:

Hans Thoenes:

„Ich erinnere mich, dass viele leibliche Schwestern meiner Mutter, sich um uns
kümmerten. Aber da Vater ja auch schon von Krupp entlassen war, weil er ein Zeuge
Jehovas war und keinen Beitrag zur deutschen Arbeitsfront leisten wollte, war es uns ja möglich, unsere eigenen Angelegenheiten, in Ordnung zu bringen. Sooft habe ich wohl kaum Sozialarbeiter des damaligen Systems bei uns gesehen, die nachforschen wollten, ob ich gut behandelt würde, ob ich mein eigenes Zimmer habe und ob ich regelmäßig mein Essen bekäme.“

Sprecherin:

Hat er sich als Kind von seiner Mutter vernachlässigt gefühlt, weil sie nicht bei ihm war?

Hans Thoenes:

„Solange ja mein Vater zu Hause war, haben wir wohl sehr viel darüber gesprochen, was wohl mit Mutter sein würde, aber mein Vater war ebenfalls ein treuer Zeuge Jehovas, der ja auch zuletzt in Buchenwald im KZ war. Er hat schon immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit Aggression zu rechnen haben und das wir einfach versuchen müssen, mit diesen Problemen fertig zu werden. Was die Vernachlässigung betrifft, natürlich als 9 oder 10 Jähriger vermisst man die Mutter. Aber das war ja nicht Schuld der Mutter, sondern der Behörden.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Die Zeuginnen Jehovas verweigerten Arbeiten für das Winterhilfswerk auszuführen. Hugo Krack, der Lagerdirektor verhängte deshalb eine Post- und Paketsperre für die Zeuginnen Jehovas.

Der Historiker Jürgen Harder berichtete über die Strafen im KZ-Moringen:

In Moringen wurden noch keine Körperstrafen im Sinne der späteren Konzentrationslager angewandt, jedoch waren die Strafen sehr wirksam. Es wurde Isolationshaft angewendet sprich einzelne oder auch Gruppen von Frauen wurden von ihren Zusammenhängen getrennt und meist verbunden mit Essensentzug, Post- und Paketsperre, sowie Kontaktsperre und Geldsperre, in Einzelzellen im Keller untergebracht. Die Geldsperre hatte in sofern noch eine Bedeutung, da man im Lager in der Anfangszeit noch etwas dazu kaufen konnte und damit die karge Kost aufbessern konnte. Die Post- und Paketsperre, sowie die Kontaktsperre wurden als eine der härtesten Strafen empfunden. Teils über Monate wurde diese Strafe aufrecht erhalten, d.h. die Angehörigen, als auch die Frauen selbst erfuhren nichts von Schicksal des anderen. So kamen Briefe von Angehörigen ins Lager, in dem sich die Person über den Verbleib Ihrer Mütter und Geschwister erkundigten. Der Lager Direktor Hugo Krack meinte darauf in der Regel nur, den Frauen ginge es gut. Sie hätten sich der Lagerordnung widersetzt und würden deswegen in Isolationshaft gehalten.

Sprecherin:

Die Kommunistin Hilde Faul erinnerte sich an eine Postsperre für die Zeuginnen Jehovas:

„Eines Tags sind sie ja gekommen und haben uns ja Winterhilfsklamotten gebracht. Das heißt, das was gesammelt worden ist von der Bevölkerung , die alten Kleider und Sachen und die mussten umgeändert werden oder mussten ausgebessert werden. … Ob sie gewaschen werden mussten … dass weiß ich nicht mehr, kann mich nicht mehr so erinnern. Aber auf jeden Fall war es dann so, dass die Bibelforscherinnen das abgelehnt haben und zwar, weil das mit eine militärische Handlung sein kann, irgendwie haben sie es damit begründet. … So wie ich es in Erinnerung habe, hätten auch die Bibelforscherinnen Strümpfe bzw. Herrensocken stricken sollen. Und ist dann die Frage kommen: Für wen sind die Herrensocken? Für das Militär. Und das haben sie abgelehnt. Für das Militär machen sie nichts und daraufhin hat man sie dann isoliert. Man hat sie in etwa schon bestraft, sie haben mit uns kein Hofgang mehr gehabt, sondern getrennt von uns und haben, ich glaube sogar, sie haben keine Pakete mehr kriegen dürfen. Mit dem Geld wird es genauso gewesen sein, aber das kann ich nicht genau behaupten. Dadurch war ja auch praktisch der Kontakt zu den Bibelforschern unterbrochen.

Sprecherin:

Auch für Katharina Thoenes galt die Post- und Paketsperre. Hans Thoenes und sein Vater waren über das Schweigen der Mutter beunruhigt und wandten sich an den Lagerdirektor Hugo Krack.

Mit Hans Thoenes sprach ich über die Postsperre:

Hans Thoenes:

„Ja, das stimmt. Denn einige Wochen vorher hatte mein Vater schon versucht über die Lagerleitung zu erfahren, was wohl mit meiner Mutter geschehen sei und aufgrund dessen, dass wir keine Nachricht bekamen, habe ich nochmal in ähnlicher Weise einen Brief an die Lagerleitung geschrieben, der wie Sie ja sagten in dem Buch von Herrn Hesse veröffentlicht worden ist. In etwa antwortete mir der Herr Krack, dass den Zeugen Jehovas  eine Postsperre auferlegt worden sei, sodass sie keinen Kontakt mit ihrem Angehörigen zu Hause pflegen konnten. Denn bis dahin war es ja noch möglich, den Gefangenen Pakete oder Geld zuzuschicken.“

Sprecherin:

Ich habe gelesen, dass er Sie als Kind gesiezt hat. Wie haben denn Sie auf diesem Brief reagiert?

Hans Thoenes:

„Also, wenn ich das heute noch wüsste, also in direkt haben wir uns nur angeschaut, mein Vater und ich, weil wir jetzt erst einmal wussten, dass die Mutter noch lebte. Eine Reaktion? Es war einfach schockierend für uns, dass er nicht persönlich auf diesen Brief eingegangen ist, sondern nur einfach mitteilte, was ich Ihnen eben schon sagte.“

(Musik)

Sprecherin:

Katharina Thoenes hatte rötliches Haar. Es ist daher anzunehmen das Hilde Faul von ihr sprach, als sie berichtete:

“Aber da war eine Frau dabei, die muss aus Nordrheinwestfalen gewesen sein. Eine stattliche Frau. Sie hatte rötliches Haar und die hat uns immer Mordsvorträg gehalten. Na ja gut, dass war ihre Sache. Über ihre Religion usw., aber darum hat es keine Diskussionen gegeben. „

Der Historiker Matthias Kuse berichtet über das Verhältnis des Lagerdirektors Hugo Krack zu Katharina Thoenes:

„Mit Katharina Thoenes hat er einen regelrechten Kampf ausgefochten. Über sie schrieb Krack ausgesprochen negative Führungsberichte, und er hat überdies noch ihren Mann bei der Gestapo angezeigt.

Sprecherin:

Katharina Thoenes kam im Februar 1937 aus dem KZ-Moringen nach Moers zur Gerichtsverhandlung.
Nach der Verhandlung kam sie zurück nach Moringen.
Sie unterschrieb am 19.6.1937 eine der vielen Varianten der Verpflichtungserklärungen.
Nun wurde sie aus dem KZ-Moringen entlassen.
Anschließend musste sie ihre 10-monatige Haftstrafe im Zuchthaus absitzen.

Sie kam erst im Mai 1938 wieder nach Hause.
Ihr Sohn Hans wurde bereits im Februar 1938 aus der Schule verschleppt und in eine Erziehungsanstalt gebracht.
Katharina Thoenes hatte sich von ihrem Glauben nicht abgewandt, trotz Unterschrift einer Verpflichtungserklärung.
Sie wurde noch einige Male verhaftet und kam später in das KZ-Ravensbrück.
Sie überlebte.

Katharina Thoenes und ihr Sohn Hans waren erst im Frühjahr 1945 wieder vereint.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Katharina Thoenes hatte eine Verpflichtungserklärung unterschrieben.
Was hatte es mit diesen Verpflichtungserklärungen auf sich?

Jürgen Harder erklärt:

„Bei den besagten Verpflichtungserklärungen handelte es sich in der Anfangszeit der Konzentrationslager zunächst lediglich um ein Formblatt, welches von jedem Schutzhäftling unerheblich welcher Kategorie bei der Entlassung aus dem Lager unterschrieben werden musste. In der Regel unterschrieben auch die Zeugen Jehovas zu dieser Zeit noch die ihnen vorgelegten Erklärungen, da sie im Text des Formblattes keinen Widerspruch zu ihrem Glauben sahen. Der Text der … Verpflichtungserklärung lautete anfangs folgendermaßen:

‚Ich verpflichte mich nach meiner Entlassung aus der Schutzhaft mich jeder umstürzlerischen staatsgefährdenden Tätigkeit zu enthalten. Ich bin darüber belehrt, dass ich keine Ersatzansprüche gegenüber dem Staat aufgrund der erfolgten Inschutzhaftnahme habe.’ In gerade zynischerweise fährt dieses Formular fort: ‚Falls meine Sicherheit bedroht erscheint, kann ich mich freiwillig in politische Haft begeben.’ Hierauf erfolgt die Ortsangabe des jeweiligen KZ sowie Datum und Unterschrift des Häftlings.

Ab Ende 1937 wurde dieser allgemeinen Floskel bei der anstehenden Entlassung von Zeugen und Zeuginnen Jehovas eine weitere Erklärung beigefügt, in welcher eine völlige Abkehrung von ihrer Glaubensgemeinschaft gefordert und auf die zu erwartenden Konsequenzen eingegangen wurde, falls sie weiterhin ihre religiöse Überzeugung leben wollten. Aus einer formalen Erklärung, die bis auf wenige Ausnahmen anfangs viele Häftlinge bei seiner Entlassung aus dem KZ ohne schwerwiegende Bedenken unterschrieben, wurde eine Loyalitätserklärung gegenüber dem Staat und seinen Forderungen. Mit diesen Änderungen von Inhalt und Zweck des Verpflichtungsscheins veränderte sich hierzu auch die Einstellung der Zeugen und Zeuginnen Jehovas, so dass sie künftig in der Regel die Unterschrift verweigerten.“

Sprecherin:

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann sagte im Gespräch mit dem Historiker Hans Hesse:

Hans Hesse:

„Als sie verhaftet wurden, hat man Ihnen da eine Verpflichtungserklärung vorgelegt?“

Änne Dickmann:

„Ja, eben was ich vorher schon sagte. Da habe ich gesagt: „Kommt nicht in Frage.
Wenn man gesagt hat: ‚Ich bin und bleibe ZJ.’ Dann war die Sache erledigt.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Es gab auch Entlassungen aus dem Frauen-KZ Moringen.

Matthias Kuse schrieb seine Magisterarbeit über die Entlassungen in Moringen. Er erklärte:

„So etwas wie einen schriftlich fixierten Katalog von Gründen, wann ein Häftling wieder entlassen werden konnte, gab es für die Konzentrationslager nicht. Die Schutzhaft sollte die Leute ja gerade durch ihre Unbestimmtheit verunsichern und in Schach halten.

Das übliche Procedere der Schutzhaft war, dass nach der Festnahme nur noch eine Bestätigung durch die Gestapo nötig war, um den Festgenommenen erst einmal für drei Monate im Lager verschwinden zu lassen. Diese drei Monate konnten dann jeweils um nochmals drei Monate verlängert werden und immer so weiter. Die Verlängerung oder Aufhebung der Schutzhaft hing von dem Haftprüfungstermin ab, zu dem der Lagerkommandant einen Führungsbericht an die einweisende Gestapostelle und an das Gestapoamt in Berlin anzufertigen hatte. In Berlin wurde dann letztlich entschieden ob und wer entlassen werden sollte. Oder bei wem die KZ-Haft verlängert werden sollte.

Bei den Entlassungen einiger des Gefangenen spielte auch die Unterschrift unter einen Verpflichtungsschein eine Rolle, mit der er versichern sollte, dass er sich nicht mehr staatsfeindlich betätigen würde oder dass er sich von seiner Glaubensgemeinschaft distanziere.“

Entlassungsgründe

Sprecherin:

Es gab zum Beispiel Entlassungen aufgrund eines Himmler-Besuches.
Die Kommunistin Anni Pröll erzählte:

„Ich bin im Juni 1937 entlassen worden. Und zwar war da der Himmler [gemeint ist Heinrich Himmler] da und der hat ein bisschen gefilzt. Der Direktor Krack hat mich (aus)geschimpft, weil ich eine freche Antwort gegeben hab(e) und hat er gemeint, ich sollte Himmler, um meine Entlassung bitten. Aber er ist mit anderen Frauen, die vor mir befragt worden sind, so schrecklich umgegangen. In mir hat sich alles verschlossen und ich war dann natürlich etwas widerspenstig. Aber trotzdem hat meine Entlassung dann draufgestanden.“

Sprecherin:

Einige jüdische Frauen wurden entlassen, wenn sie sich verpflichteten auszuwandern:

Hierzu Matthias Kuse:

„Die jüdischen Frauen, die im Lager waren, waren überwiegend sogenannte Remigrantinnen, die Deutschland schon einmal verlassen hatten. Sie waren meist aus persönlich-familären Gründen oder auch, weil sie auf Dauer kein Exil im Ausland fanden, nach Deutschland zurückgekehrt. Diese Häftlingsgruppe stand gewissermaßen unter dem Generalverdacht sich im Ausland deutschfeindlich zu betätigen. Ab Januar 1935 wurden solche Personen verhaftet und als sogenannte „Schulungshäftlinge“ ins Lager eingewiesen. Die Situation für diese Frauen verschärfte sich noch einmal ab 1937, als die Auswanderung aus Deutschland zur Bedingung für die Entlassung gemacht wurde.“

Sprecherin:

Grundlage für alle Entlassungen waren die Beurteilungsschreiben des Lagerdirektors Hugo Krack.
Über die Beurteilungsschreiben oder Führungsberichte sagte Jürgen Harder:

„Die erwachsenen Frauen wurden in Anlehnung an die Einteilung der Jugendlichenfürsorgezöglinge in den Besserungsanstalten und Heimen vom Direktor in verschiedene Kategorien eingeordnet. Hierbei unterschied er zwischen Bibelforscherinnern von denen er keine Erfolgsaussicht für eine Schulung sah und anderen bei denen durch seine Bemühungen ein Gesinnungswechsel erwartet werden konnte. So plädierte er beispielsweise für die Verlängerung einer Bibelforscherin in seinem Lager, da sie trotz guter Führung noch fanatisch an ihren religiösen Überzeugungen festhielt und sich bisher noch keine Besserung bei der Frau gezeigt hatte. Ich zitiere: „Die hier untergebrachte Schutzhaftgefangene Hermina K. – ich habe hier anonymisiert – hat sich bisher im Lager gut geführt. Sie hängt aber noch fanatisch den Ideen der IBV an. Ich kann daher ihre Entlassung noch nicht befürworten.“ Wie auch den meisten anderen Beamten der verschiedenen Verfolgungsinstanzen blieb dem Leiter des Frauen-KZ in Moringen die religiöse Motivation der Verweigerung der Zeuginnen und Zeugen Jehovas völlig unverständlich, da sie nicht in die Kategorie der politischen Ideologie des Nationalsozialismus einzuordnen waren. So sah der Lagerleiter Hugo Krack in der Beharrlichkeit mit der viele Bibelforscherinnen an ihrem Glauben festhielten Anzeichen einer Geisteskrankheit, die in seiner Institution nicht behandelt werden konnte. Von daher hielt er es in besonders hartnäckigen Fällen, die Unterbringung von Frauen in Nervenheilanstalten für sinnvoller, so auch im Fall von Frau K. Ihre Entlassung aus dem KZ, da er sie, ich zitiere ‚für religiös, geistig verwirrt’ hielt.“

(Musik)

Sprecherin:

Nicht immer waren die Führungsberichte so negativ.
Es gab auch einige Zeuginnen Jehovas, die sich von ihrem Glauben lossagten. Über eine solche Zeugin Jehovas schrieb Hugo Krack (zitiert von Matthias Kuse):

„Sie hat sich von den Ideen der IBV (Bibelforscher, heute Zeugen Jehovas) vollkommen losgesagt, sie verspricht sich in Zukunft völlig auf den Boden des nationalsozialistischen Staates zu stellen. Sie will den deutschen Gruß anwenden und an Luftschutzübungen teilnehmen, sowie ihre sonstigen vaterländischen Pflichten erfüllen.“

(Musikakzent)

Lagerdirektor Hugo Krack

Sprecherin:

Wer war Hugo Krack?

Matthias Kuse berichtete:

Hugo Krack war ursprünglich Lehrer, vor seinem Wechsel nach Moringen bekleidete er in Clausthal-Zellerfeld eine Rektorenstelle und er verfügte über sozialpsychologische Kenntnisse. Das scheint auch einer der Gründe dafür gewesen zu sein, dass er im Jahr 1930 zum Direktor des Provinzial-Werkhauses Moringen ernannt wurde, das man landläufig als „Arbeitshaus“ bezeichnet.

Seit 1919 gehörte er der Deutschen Demokratischen Partei an, für die er sich auch als Wahlkämpfer engagiert hat.
Dann wurde 1933 auf Veranlassung der hannoverschen und Hildesheimer Innenbehörden in einem Teil des Arbeitshauses ein Konzentrationslager eingerichtet. Zunächst nur für männliche Gefangene, und hier stand Krack zwar das Hausrecht zu, er hatte jedoch keinerlei „Befehlsgewalt“ über die Gefangenen. Das änderte sich erst, nachdem das Männer-KZ wieder aufgelöst worden war und zum Ende des Jahres 1933 – ebenfalls in einem separaten Teil des Arbeitshauses – ein ‚Frauenkonzentrationslager’ eingerichtet wurde, dessen Leitung ausschließlich ihm unterstand.“

Sprecherin:

Jürgen Harder bemerkt:

Hugo Krack war ein aus der wilhelminischen Tradition stammender Beamter, der die rigiden Erziehungsmaßnahmen der Nationalsozialisten durchaus befürwortete … Er sah sein Lager als eine Art Erziehungslager. Mit den Strafen sollte ein Erziehungserfolg erzielt werden, d.h. die Frauen sollten sich von ihrer jeweiligen Ideologie sprich politisch oder auch religiös lösen, um sie dann in die sogenannte Volksgemeinschaft wieder eingliedern zu können. Ob und in wie weit diese Erfolge haltbar oder nachweisbar waren, steht auf einem ganz anderen Blatt. Viele der Frauen, die entlassen worden sind, beteiligten sich später wieder an Widerstandaktionen unter den Bedingungen der Illegalität und kamen mit unter auch wieder in Haft. Nicht wenige von ihnen kamen in dieser Zeit ums Leben.“

Sprecherin:

Matthias Kuse bemerkt auch:

„Hugo Krack hat sich eigentlich immer als Zivilist verstanden, und unterschied sich damit deutlich von dem einschlägigen Bild eines „typischen“ KZ-Kommandanten. „Zivil“ ist er auch im KZ-Lager Moringen aufgetreten. Krack war kein Nationalsozialist. Er ist „erst“ im Mai 1933 der NSDAP beigetreten, das war verhältnismäßig spät. Darüber hinaus war er Mitglied in der eher unbedeutenden Reiter-SA. Salopp formuliert: Er hat sich nicht „überschlagen“, was sein Engagement in der NS-Bewegung betraf.

(Bild: Grab von Hugo Krack auf dem Moringer Friedhof)

Es wäre falsch, wollte man aus ihm einen Mann des Widerstands machen. Das war er ganz sicher nicht. Allerdings hat er sich für eine Reihe von Gefangenen, vor allem des Frauen-KZ, eingesetzt, indem er versucht hat, ihnen bei der Entlassung aus dem Lager behilflich zu sein.

Er war sehr sozial beeinflusst von den Ideen Friedrich Naumanns.“

(Musikakzent)

Grab Hugo Krack

Sprecherin:

Die Kommunistin Hilde Faul sagte über Hugo Krack:

„Er hat sich uns gegenüber jedenfalls tolerant verhalten, wenigstens soweit wie ich das einschätze. Es gibt natürlich andere, die sagen: „Uns gegenüber war er nicht so tolerant.“ Das glaube ich ohne weiteres. Aber ich kann da nichts dagegen … nichts darüber sagen. Und die Bibelforscher, die werden nicht so begeistert gewesen sein, dass sie dann abgeschirmt worden sind von den anderen und nicht mehr einkaufen konnten und halt so eine Behinderung gehabt haben. Sie haben keine Post mehr kriegen dürfen und haben eine Zeit lang keine Post mehr rausgeben dürfen. … Für uns war auch mal eine Postsperre. Ich glaube, dass war sogar in dem Zusammenhang, dass weiß ich aber nicht.“

Sprecherin:

Hilde Faul sagte auch:

„Er war ja Direktor. Er ist zu uns gekommen und hat uns seine Befehle erteilt, … Er hat mit uns gesprochen, was grade im Moment angefallen ist. Und ich kann mich noch erinnern, dass er mal gekommen ist und hat gesagt: „ Wie ist dies? Ich hab einen Anschnauzer von der Gestapo Berlin bekommen und ein Häftling hat gesagt: `Was wollen Sie denn mit Moringen, der Direktor, der macht doch sowieso alles, was die Gefangenen wollen´.“ So ähnlich sinngemäß. Und da er sich dann bei uns beschwert, ob er da schon irgendwie uns schon zunahe getreten ist. Aber das war ja nicht der Fall. Sie müssen das anders sehen, der Krack, der war ein alter Beamter und die alten Beamten, die waren nicht so, wie die Faschisten. Der Krack, der war mehr so deutsch-national, so etwas war der mehr, ich weiß es nicht, aber ich nehme es an, so aus seinem ganzen Ding und so hat er auch gehandelt, also wenig willkürliche Akte. So wie in den übrigen KZ das war das nicht der Fall. Nein, sondern er hat wirklich seine Vorschriften (gehabt ? undeutlich).“

Sprecherin:

Matthias Kuse bemerkt auch:

„Für das Frauen-KZ sind mindestens zwei Fälle belegt, in denen er die Sterilisierung von Frauen vorgeschlagen hat. Auch in seiner Eigenschaft als Direktor des Arbeitshauses hat er mehrere Anträge auf die Sterilisation von Anstaltsinsassen gestellt, was offenbar zur Praxis solcher Einrichtungen gehört hat. Auch Krack scheint dieser Praxis nicht grundsätzlich abgeneigt gewesen zu sein.“

Sprecherin:

Der Historiker Dr. Hans Hesse schreibt in seinen Forschungsergebnissen über das KZ-Moringen über Hugo Krack:

„Bei allem darf jedoch nicht vergessen werden, dass Hugo Krack, der zwar nicht als überzeugter Nazi gelten kann und sicherlich nicht in einer Reihe mit den KZ-Kommandanten gesehen werden darf, sich mit dem NS-System zu arrangieren versuchte, wie viele seiner Zeitgenossen damals. Er tat dies an verantwortlicher Stelle. Darin besteht seine Mitschuld.“


Sprecherin:


Es bleiben noch einige Fragen offen.
Doch die Antworten hat Hugo Krack mit ins Grab genommen.

(Musikakzent)

Nach Auflösung des Frauen-KZ Überstellung in andere KZ´s

Hans Hesse:
Im Dezember 1937 begann dann die Lagerleitung das Frauen-KZ Moringen aufzulösen.
Die Frauen kamen in ein größeres KZ: die Lichtenburg in Thüringen.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Das Leiden hatte für die Frauen dadurch kein Ende. Im Gegenteil.

Hierzu Matthias Kuse:

„1938 wurde das Frauenkonzentrationslager Moringen geschlossen und die gefangenen Frauen kamen in das KZ Lichtenburg, das für etwa ein Jahr bis zur Inbetriebnahme des KZ Ravensbrück das zentrale Frauen-KZ war. Unter den Frauen, die dorthin verlegt wurden, befand sich auch eine Reihe von Zeuginnen Jehovas. Die Lebensbedingungen im KZ Lichtenburg waren sehr viel schlechter als in Moringen – nicht zuletzt, weil die Bewachung dort von der SS übernommen wurde. Verschiedene Zeuginnen Jehovas sind noch vor der Verlegung entlassen worden, viele befanden sich aber noch im Moringer Lager und wurden dann mit den übrigen Frauen ins KZ Lichtenburg geschickt. Ein Grund dafür, dass relativ viele Zeuginnen Jehovas in das KZ Lichtenburg überstellt wurden war, dass sich die Verfolgungspolitik während dieser Zeit explizit gegen die Zeugen Jehovas richtete.“

Sprecherin:

Hilde Faul erinnerte sich an eine Zeugin Jehovas:

„Die Esther ist mir bis heute ein Begriff, weil die von Fürtau (?) war. Die Esther war bis so an die Dreißig damals und wie man mir dann später erzählte, haben sie die umgebracht, aber ich weiß nicht genau, ob das in Ravensbrück war. … Ich weiß bloß, dass die Gestapo sie richtig als Beispiel gebraucht hat.“

KZ Moringen als Grundlage für spätere KZ´s

Sprecherin:

Moringen kann als Grundlage für spätere KZ´s betrachtet werden.
Jürgen Harder bemerkt dazu:

„Moringen wird vielfach in der historischen Forschung nicht weiter betrachtet, aber es wird dabei vergessen, dass für sehr viele Frauen besonders in früheren Lagern, den Anfangspunkt einer langjährigen Verfolgung darstellt. In Moringen wurden Grundlagen gelegt, die später in anderen Lagern wie Lichtenburg und Ravensbrück weiter verschärft und weiter differenziert wurden. So etwa das Spitzelsystem, das Haftsystem und das Beurteilungssystem.“

(Stimmen und Verkehr)

Sprecherin:

Moringen. Auf den ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt.
Bei näherem Hinsehen stellt man fest:
Moringen hat eine ungewöhnliche Geschichte. Mitten in der Stadt befanden sich zwischen 1933 und 1945 nacheinander drei Konzentrationslager.

Leider gibt es nur noch wenige lebende ehemalige KZ-Inhaftierte. Die KZ-Gedenkstätte Moringen erarbeitet deshalb ständig andere Formen der Geschichtsvermittlung zur Erinnerung an die drei Konzentrationslager.

Das Leiden dieser Männer, Frauen und Jugendlichen darf nie vergessen werden.

(Musik)

© Ingeborg Lüdtke

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Hilde Faul-Gerber gestorben 2013

https://www.zwischenfaelle.radio-z.net/feature/hilde-faul-gerber

Anni Pröll gestorben 28.05. 2006

https://www.frauen-im-widerstand-33-45.de/biografien/biografie/proell-anna

Katharina Thoenes verstorben

https://www.archiv-vegelahn.de/index.php/jehovas-zeugen/geschichte/17306-thoenes-katharina

Erna Ludolph verstorben 26.09.2004

https://www.gedenkstaette-moringen.de/ort-geschichte/frauen-kz

https://www.gedenkstaette-moringen.de/ort-geschichte/allgemein

Hesse, Hans, Das Frauen-KZ Moringen 1933-1938, hg. von der Lagergemeinschaft und KZ-Gedenkstätte Moringen, Göttingen 2000, 2. Aufl. Hürth 2002. S.127-133.

https://www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503014/kz-gedenkstaette-moringen

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Heinrich Mühlhausen: Biografie

Der Stolperstein wurde am 3. Februar 2025 in Benterode, Gemeinde Staufenberg, Am Ring 8 verlegt.

Heinrich Mühlhausen wurde am 13. Mai 1905 in Benterode als jüngstes von vier Kindern geboren. Seine Eltern, der Fabrikarbeiter Johann Heinrich Justus Mühlhausen und Sophie Löwermann, hatten am 20. April 1890 geheiratet und sich in Benterode niedergelassen. Heinrich und seine älteren Geschwister Eduard (1894), Karl (1896) und Minna (1899) wurden im evangelisch-lutherischen Glauben erzogen.

Ab 1911 besuchte Heinrich die Schule in Benterode, die er 1919 im Alter von 14 Jahren erfolgreich abschloss. Zu dieser Zeit tobte der Erste Weltkrieg und sein Bruder Karl fiel am 15. November 1917 als Soldat in Flandern. So lernte Heinrich schon mit 12 Jahren ganz persönlich die hässliche Seite des Krieges kennen.

Bild: Heinrich Mühlhausen (Privatbesitz Koch)

Was er in den Jahren 1919 bis Anfang 1927 beruflich machte, ist nicht bekannt. Heinrich wollte gerne Lehrer werden, aber da ein Studium für ihn nicht möglich war, entschied er sich für eine Laufbahn bei der Polizei. Am 11. Mai 1927 begann er seine Ausbildung als Polizeianwärter an der Polizeischule in Hann. Münden.

Nach bestandener Abschlussprüfung am 30. März 1928 trat er am 1. April 1928 in den Polizeidienst bei der Preußischen Polizei in Kassel ein. Dort war er die nächsten sechs Jahre als Polizeiwachtmeister tätig.

Bild: Heinrich Mühlhausen als Schutzpolizist (Privatbesitz Koch)

Ende der zwanziger Jahre kam Heinrich durch die Tante seiner späteren Frau Minna Kraft mit den Lehren der Bibelforscher – wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden – in Berührung. Was er in den intensiven Bibelgesprächen mit Tante Elli Gobrecht aus Speele lernte, gefiel ihm sehr. So entschloss er sich 1931 im Alter von 26 Jahren, selbst Zeuge Jehovas zu werden. Auch Minna Kraft war vom Glauben ihrer Tante angetan. Dieses gemeinsame Interesse brachte die beiden einander näher.

Schließlich heirateten Heinrich und Minna am 13. Mai 1933, und das junge Ehepaar bezog eine Wohnung in der Tannenstraße 15 in Kassel.

Bild: Heinrich und Minna Mühlhausen bei einem Betriebsausflug der Polizei Anfang der 1930er Jahre (Privatbesitz Koch)

Im gleichen Haus wohnte Julius Hochgräfe, der damalige Gemeinde-leiter der Zeugen Jehovas in Kassel. Die beiden verband bald eine tiefe Freundschaft. Durch diese enge Verbindung zu Julius Hochgräfe, der schon früh ins Visier der Gestapo geriet, zog Heinrich ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich. In einer Liste des Sicherheitsdienstes des SS Oberabschnitts Fulda-Werra vom Juli 1937 finden sich neben vielen anderen aus der Kasseler Gemeinde auch die Namen von Heinrich und Minna Mühlhausen.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde die Tätigkeit von Jehovas Zeugen in Deutschland ab April 1933 schrittweise eingeschränkt. Unter den damit verbundenen Schikanen und Repressalien hatten auch Heinrich und Minna Mühlhausen zu leiden. Vor allem für Heinrich wurde es immer schwieriger, politisch neutral zu bleiben. Aus Gewissensgründen verweigerte er den Hitlergruß, den Eid auf den Führer und den Dienst mit der Waffe. Schließlich wurde er am 1. April 1934 wegen seiner religiösen Einstellung als Zeuge Jehovas aus dem Polizeidienst entlassen.

Nach seiner Entlassung mussten Heinrich und seine Frau ihre Wohnung in Kassel aufgeben. Sie zogen zurück nach Benterode und wohnten bei Minnas Eltern August und Luise Kraft – damals in der Dorfstraße 51 (heute: Am Ring 8). Heinrich und Minna setzten sich weiterhin für ihre Überzeugung ein. Auch das reichsweite Verbot der Tätigkeit der Zeugen Jehovas am 1. April 1935 änderte nichts an ihrer Haltung. Für Heinrich war es deshalb schwierig, eine feste Anstellung zu finden, und er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. So arbeitete er beim Autobahnbau in der Nähe von Kassel und half zeitweise in der Landwirtschaft auf Gut Ellenbach.

Im November 1936 kam dann das einzige Kind – die Tochter Christa – auf die Welt.

Am Abend des 14. Mai 1938 fand eine Hausdurchsuchung statt und Heinrich wurde festgenommen. Gleichzeitig wurde auch sein Freund Karl Meyer (*25. Mai 1877 in Bevern) aus Speele verhaftet. Nach zwei Tagen Haft im Landgerichtsgefängnis Göttingen wurden sie am 17. Mai 1938 der Gestapo Hildesheim überstellt.

Am 19. Mai 1938 erfolgte die Überführung in das Konzentrationslager Buchenwald. Wenige Tage später, am 31. Mai 1938, wurden Heinrich und Karl gemeinsam zur Vernehmung in das Polizeipräsidium Hannover gebracht. Die Rücküberstellung in das KZ Buchenwald erfolgte am 25. Juni 1938. Beide wurden nun der Häftlingskategorie „Bibelforscher“ zugeordnet, weshalb sie den lila Winkel tragen mussten.

Seine Familie in Benterode wusste fast ein Jahr lang nicht, wo er war und ob er überhaupt noch am Leben war. Heinrich verbrachte zwei Monate in der Strafkompanie. Das bedeutete schwerste körperliche Arbeit in den Steinbrüchen, sieben Tage die Woche. Dieser Arbeitseinsatz war so hart, dass viele Häftlinge das nicht überlebten. Immer wieder musste Heinrich mit ansehen, wie Menschen um ihn herum durch die grausame Behandlung der SS starben. Später berichtete er über diese Zeit, dass er durch die schwere Arbeit und die mangelhafte Ernährung völlig entkräftet zusammenbrach.

Moritz Zahnwetzer, ein politischer Häftling aus Sandershausen, war ebenfalls einige Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert. In seinem Buch über diese Zeit schildert er den brutalen Lageralltag. So berichtet er, dass sein Überleben oft davon abhing, dass seine Kameraden ein gutes Wort für ihn einlegten. Mehr als einmal sorgten sie dafür, dass er eine andere Arbeit bekam. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass auch Heinrich nur durch die Fürsprache seiner Freunde überlebt hat. Denn nach seinem Zusammenbruch erhielt er eine neue Arbeit im Häftlingsmagazin. So konnte er sich ein wenig erholen. Dort blieb er bis Ende 1943.

Danach war er im Arbeitskommando „25a“ eingesetzt. Es wird vermutet, dass es sich um eine Tätigkeit in der „Lager-Apotheke“ handelte. Vermutlich versorgten die dort eingesetzten Häftlinge das Lazarett mit Medikamenten, sofern welche vorhanden waren.

Postkarte mit Christa Koch auf dem Schlitten (Privatbesitz Koch)

Als Karl Meyer am 24. April 1939 entlassen wurde und nach Speele zurückkehrte, konnte er Minna endlich berichten, was mit Heinrich geschehen war. Ein Mitglied der Familie Zahnwetzer machte daraufhin Fotos von der Familie und druckte sie als Postkarten. So konnte man Heinrich Bilder seiner Tochter zukommen lassen. Diese Postkarten brachte er bei seiner Befreiung mit nach Hause. Einige davon befinden sich noch im Besitz der Familie.

Sieben Jahre in dieser menschenverachtenden Umgebung und unter der brutalen Behandlung konnten Heinrich nicht von seiner Überzeugung abbringen. In einem Vermerk der Kommandantur des KZ Buchenwald heißt es über ihn: „Der Schutzhäftling ist nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher und weigert sich, von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen.“

Aus dem Zeitzeugenbericht seines Mithäftlings Johannes Rauthe geht zudem hervor, dass er im Lager die heimliche Vervielfältigung von biblischen Schriften für die Mitgefangenen unterstützte.

Sein starker Glaube und seine feste Überzeugung halfen ihm durch diese schweren Jahre.

Nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee im April 1945 wurde Heinrich am 6. Mai 1945 entlassen und konnte nach Benterode zurückkehren. Die Amerikaner, die damals in Benterode stationiert waren, spendierten einen Eimer Pancake-Teig und Vanilleeis, damit Heinrich seine Heimkehr mit Familie und Freunden feiern konnte.

Nachdem er sich von den Strapazen einigermaßen erholt hatte, übernahm er bald die Leitung regel-mäßiger Bibelgespräche im Wohnzimmer seiner Schwiegereltern. Und am 25. November 1945 konnte er sich endlich als ein Zeuge Jehovas taufen lassen – 14 Jahre, nachdem er sich für diesen Lebensweg entschieden hatte.

Frei über seinen Glauben sprechen zu können und sich mit anderen zu versammeln, war ihm für den Rest seines Lebens sehr wichtig.

Vom 25. September 1946 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Postfacharbeiter bei der Deutschen Bundespost in Kassel.

Viel zu früh verlor er seine geliebte Frau durch den Tod. Am 25. Februar 1956 starb Minna nach einer Operation an einer Embolie. Im Alter von nur 50 Jahren war er Witwer geworden. Zwei Jahre später fand er sein spätes Glück mit der Witwe Emilie Elfriede Littmann. Am 14. Juni 1958 heirateten sie in Escherode.

Anfang der 1970er Jahre erkrankte Heinrich schließlich an Darmkrebs, an dessen Folgen er am 27. Oktober 1974 verstarb. Bis zuletzt galt er als positiver Mensch, der trotz seiner traumatischen Erlebnisse nie verbittert war.

(c) Copyright Katja Seitz, Marcus Herrberger

Quellen:

  • Individuelle Häftlingsunterlagen, KL Buchenwald, Akte Heinrich Mühlhausen, geb. am 13.05.1905/ 01010503 001.350.354/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, HHStAW, 342, Nr. 1181, Wiedergutmachungsakte.
  • Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel.
  • Kammler, Jörg: „Ich habe die Metzelei satt und laufe über…“, Kasseler Soldaten zwischen Verweigerung und Widerstand (1939-1945), Fuldabrück 1985, S. 144-146.
  • Rauthe, Johannes, Geschichtsbericht, Calw 1973, Jehovas Zeugen Archiv Zentraleuropa, Selters/Ts.
  • Zahnwetzer, Moritz: „KZ Buchenwald: Erlebnisbericht“, Kassel 1946.
  • Mündener Allgemeine Nr. 22/2023, Artikel vom 26.01.2023: „Er überlebte die Hölle“.
  • Kassel-West e.V., Verfolgte Zeugen Jehovas, in: vorderer-westen.net, https://www.vorderer-westen.net/geschichte/stadtteilgeschichte/verfolgte-zeugen-jehovas, letzter Zugriff: 12.01.2025.

Besonderer Dank für die Unterstützung bei den Recherchen geht an:

René Emmendörffer (Archiv – Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)

Stefan Lochner (Bibliothek – Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)

Brigitte Junghardt (Niedersächsisches Landesarchiv, Wolfenbüttel)

Vanessa Kühne (Landkreis Göttingen, Kreisarchiv Osterode)

Frank Hartmann (Standesamt Staufenberg)

Marcel Spohr (Ortsheimatpfleger Benterode)

Marc Brunning (Gemeideheimatpfleger Staufenberg)

Die Verlegung des Stolpersteins am 3. Februar 2025 erfolgte mit der freundlichen Unterstützung von „Stolpersteine in Kassel e.V.“.

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Stolpersteinverlegung für Heinrich Mühlhausen

Am 3. Februar 2025 wurde für den in der NS-Zeit als Zeuge Jehovas (Bibelforscher) verfolgten Heinrich Mühlhausen in Staufenberg-Benterode, Am Ring 8 ein Stolperstein verlegt.

Dies ist die in der Gemeinde Staufenberg (Krs. Göttingen) erstmalige Verlegung eines Stolpersteines durch den Künstler Gunter Demnig.

Unter den ca. 114 Anwesenden befanden sich neben der Tochter Christa Koch, Enkelinnen, Ur-Enkel*innen, Ur-Ur-Enkel*innen u.a. auch die Ortsbürgermeisterin von Benterode Kerstin Schönebach-Wagner, der stellvertretende Landrat Sebastian Bornmann, Klaus Brocke, der Vorstand des Vereins Stolpersteine in Kassel, lokale Historiker und Nachbarn.

Die einleitenden und abschließenden Worte sprach Marcel Seitz, der sich mit seiner Frau Katja mit Unterstützung von „Stolpersteine in Kassel e.V.“ für die Stolpersteinverlegung maßgeblich eingesetzte.

Jared Zeuch, der Ur-Enkel von Heinrich Mühlhausen, hat seinen Ur-Großvater nicht mehr kennen gelernt, da dieser kurz vor seiner Geburt verstarb. Jared Zeuch berichtete aufgrund der von Katja Seitz und Marcus Herrberger zusammengestellten Biografie (Text nachlesbar unter https://www.radio-uebrigens.de/?p=3607 über die Lebensgeschichte seines Ur-Großvaters.

Anschließend erfolgte durch den Künstler Gunter Demnig die eigentliche Stolpersteinverlegung.

Klaus Brocke, der Vorstand des Vereins „Stolpersteine in Kassel“ las den auf dem Stolperstein stehenden Text vor: „Hier wohnte Heinrich Mühlhausen, Jahrgang 1905, Zeuge Jehovas, verhaftet 14.5.1938, KZ Buchenwald, befreit“.

Zum Abschluss spielte die Ur-Ur-Enkelin Natalie Bores das Lied „Als Volk vereint“.

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80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Meinen Reisebericht über die Studienfahrt nach Auschwitz kann man nachlesen unter https://www.radio-uebrigens.de/?p=2783

Einen weiteren Beitrag zu medizinischen Versuchen an Augen aus dem KZ Auschwitz findet man unter https://www.radio-uebrigens.de/?p=126

KZ Auschwitz
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85. Jahrestag der Ermordung August Dickmanns

August Dickmann wurde am 15.9.1939 als erster Kriegsdienstverweigerer aus religiösen Gründen von den Nationalsozialisten im KZ Sachsenhausen hingerichtet.

August Dickmann (29 J) wurde am 15.10.1936 aufgrund einer Anzeige wegen Verbreitung illegaler Schriften in Dinslaken verhaftet. Das Landgericht Duisburg verurteilte ihn am 13.01.1937 zu einem Jahr Gefängnis wegen illegaler Betätigung für die Internationale Bibelforscher Vereinigung (Zeugen Jehovas). Nach Verbüßung der Haftstrafe wurde er in „Schutzhaft“ genommen und in das KZ Sachsenhausen überstellt. Nach Kriegsbeginn übersandte ihm seine Frau den Wehrpass zur Unterschrift. Er weigerte sich diesen zu unterschreiben. Als Grund gab er an, dass er niemals als Soldat im Krieg Menschen töten werde.

Gedenkveranstaltung: Sachsenhausen

Anlässlich des 85. Jahrestages der Ermordung von August Dickmann wurde am 15.9.2024 die Ausstellung „Standhaft trotz VerfolgungJehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ in der Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet. Auf 33 Text- und Bildtafeln wird die Verfolgungsgeschichte der seit 1933 verbotenen Religionsgemeinschaft in der Zeit des Nationalsozialismus berichtet.

Zwischen 1936 und 1945 waren über 890 Zeugen Jehovas im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Sie bildeten eine eigene Häftlingsgruppe und wurden durch einen lilafarbenen Winkel auf der Häftlingskleidung gekennzeichnet.

Die Gedenkfeier begann durch einleitende Worte von Enrico Heitzer (Gedenkstätte Sachsenhausen) und Carsten Loth (Zeugen Jehovas).

Einleitung von Enrico Heitzer

Enrico Heitzer machte darauf aufmerksam, dass die Erschießung von August Dickmann von Heinrich Himmler angeordnet wurde. Eine Gerichtsverhandlung habe nicht stattgefunden. In einigen deutschen Zeitungen und im Rundfunk sei die Erschießung bekannt gegeben worden. Als Grund der Hinrichtung wurde zum einen seine „Weigerung seine Pflicht als Soldat zu erfüllen“ genannt, sowie seine Zugehörigkeit zur Religionsgemeinde der Zeugen Jehovas (damals auch Bibelforscher genannt).

Auch im Ausland habe man von der Ermordung Notiz genommen. Die New York Times habe am 17.9.1939 darüber unter der Überschrift „Germans execute objector to war“ berichtet.

Die Ermordung von August Dickmann habe nicht nur eine Bedeutung in der Geschichte der Zeugen Jehovas, sondern auch darüber hinaus für den Werdegang des nationalistischen Terrorregimes. Sie stände damit am Anfang der Radikalisierung der Verfolgungspraxis des sogenannten „Dritten Reiches“.

In der Gedenkstätte Sachsenhausen sei Ende September 1999 anlässlich des 60. Todestages von August Dickmann ein Gedenkstein eingeweiht worden.

Einleitende Worte von Carsten Loth

Carsten Loth (Sprecher, Zeugen Jehovas) wies daraufhin, dass die Ausstellung „Standhaft trotz VerfolgungJehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ ein Zeugnis eines beeindruckenden gesellschaftlichen Engagements sei. Es hätte sogar Einfluss auf die Gestaltung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gehabt. Die Erfahrungen der Vergangenheit würden die Gefahren der Gegenwart verstehen helfen.

Musikalisches Rahmenprogramm

Als musikalischer Rahmen der Veranstaltung wurden zwei Lieder gespielt. Eines der Lieder trug den Titel „Vorwärts Ihr Zeugen“. Es wurde von Erich Frost

im KZ komponiert. Nach Kriegsausbruch befand auch er sich im KZ Sachsenhausen. Das Interview mit Erich Frost (verstorben) über Entstehungsgeschichte des Liedes wurde eingespielt. [Anm.: anhörbar unter: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn719265 ]

Referat Dr. Hans Hesse

Der Historiker Dr. Hans Hesse begann sein Referat mit einer Passage aus dem Roman „bis auf weiteres…“ von Valentin Schwan (Pseudonym für Hans-Otto Körbs, Kommunist). Hans-Otto Körbs war eine Zeit lang im KZ Esterwegen und danach ebenfalls im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Er wurde bereits im Dezember 1938 entlassen.

Interessant ist die im Buch enthaltene Unterhaltung zwischen dem Kommandanten in Esterwegen und einem Bibelforscher (Zeuge Jehovas) noch vor Kriegsausbruch. Der Bibelforscher erklärte mutig, dass er auch im Falle eines Krieges das Gebot „Du sollst nicht töten“ beachten werde. Der Kommandant drohte ihm, dass er mit dem Tod rechnen müsse, sollte er sich im Kriegsfall, weiterhin weigern.

Hans Hesse wies auf die Parallele zwischen der Romanpassage und der tatsächlichen Erschießung von August Dickmann wegen Kriegsdienstverweigerung im KZ Sachsenhausen hin.

Insgesamt seien mindesten 282 Zeugen Jehovas als Kriegsdienstverweigerer ermordet worden.

Einer von denen, die das Todesurteil erhielten, sei Horst Schmidt. Er habe im Zuchthaus Brandenburg-Görden auf seine Hinrichtung gewartet. Am 20.4.1945 seien 28 Männer hingerichtet worden, auch die Mithäftlinge in seiner Zelle. Er habe überlebt [Anm.: er wurde wenige Tage später von der Roten Armee befreit].

Auch Emmy Zehden, die Adoptivmutter von Horst Schmidt, sei wegen Wehrkraftzersetzung in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden. Sie habe zwei Kriegsdienstverweigerern geholfen, sich zu verstecken. Die Straße, die zur Hinrichtungsstätte in Berlin Plötzensee führt, sei in „Emmy-Zehden-Weg“ benannt worden. Außerdem gäbe es in Berlin-Spandau für Horst Schmidt und seine Adoptiveltern Stolpersteine.

Ein weiterer Zeuge Jehovas, der den Kriegsdienst verweigert habe, sei Gustav Stange. Dieser habe nicht überlebt. Vor seinem Tod sei er mehrfach vom Stuttgarter Stadtpfarrer Rudolf Daur in der Haft besucht worden. Nach der Hinrichtung habe sich dieser veranlasst gefühlt der Witwe einen Brief zu schreiben. Er habe erklärt, dass er die Ansicht ihres Mannes zwar nicht ganz teilen würde, aber sich mit ihm „im tiefsten Innern verbunden“ fühle. Er habe der Witwe auch von der Kriegsgerichtsverhandlung berichtet. In der Verhandlung sei ihr Mann gefragt worden, was denn wäre, wenn alle Menschen den Kriegsdienst verweigern würden. Er habe geantwortet, dass dann der Krieg gleich zu Ende wäre.

Hans Hesse erinnerte daran, dass in der Nachkriegszeit die Erinnerung an die Kriegsdienstverweigerer und deren Schicksal in der NS-Zeit noch sehr präsent war. Dies sei in die Diskussionen um das Grundgesetz eingeflossen.

Der spätere Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes sei von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) am 30.11.1948 in der Sitzung des Grundsatzausschusses eingebracht worden. Der Artikel lautet: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden, das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

Das Thema Kriegsdienstverweigerung sei aber schon viel früher in dem Ausschuss behandelt worden. Der SPD-Abgeordnete Hans Wunderlich habe sich für eine individuelle Kriegsdienstverweigerung ausgesprochen. Er führte an, dass er miterlebt habe, wie man mit den Ernsten Bibelforschern (Zeugen Jehovas) im Dritten Reich umgegangen sei. Sie seien „reihenweise“ erschossen worden; sie seien aber mit großer Tapferkeit für ihre Glaubensüberzeugung gestorben.

Hans Hesse sieht hier die Verknüpfung der Idee eines im Grundgesetz zu verankerndem Recht auf Kriegsdienstverweigerung mit der NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas.

Kriegsdienstverweigerer hätten eine herausragende Rolle in der Gedenklandschaft zur NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas gespielt. Von den aktuell ca. 390 verlegten Stolpersteinen für Zeugen Jehovas sind ca. 15% den kriegsdienstverweigernden Zeugen Jehovas gewidmet. Die ersten legal verlegten Stolpersteine seien in Österreich für die beiden Kriegsdienstverweigerer Johann und Matthias Nobis verlegt worden.

In Österreich sind von den Stolpersteinen für Zeugen Jehovas 70% für kriegsdienstverweigernde Zeugen Jehovas verlegt worden.

Durch diese Erinnerungsform an Kriegsdienstverweigerer sei längst nicht alles gut, denn Kriegsdienstverweigerung sei kein historisches Problem.

In der DDR habe es kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gegeben. Auch heute sei es für Kriegsdienstverweigerer nicht einfach. Kriegsdienstverweigerer aus der Ukraine und Russland bekämen in Deutschland nicht automatisch einen Asylstatus.

In Ländern wie z.B. Russland, Eritrea oder Aserbaidschan wäre eine Kriegsdienstverweigerung nahezu unmöglich.

Für die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl wäre es ein bedeutsames friedenspolitisches Signal, wenn alle, die sich dem Einsatz im Krieg verweigern, auch Schutz und Asyl erhalten würden.

Für Hans Hesse habe das Deutschland nach 1945 die richtigen Schlussfolgerungen aus den grausamen Verfolgungen der Kriegsdienstverweigerer, zu denen die Zeugen Jehovas gehören, gezogen. Das heutige Deutschland hingegen täte sich schwer damit, diese Schlussfolgerungen den aktuellen Entwicklungen anzupassen und umzusetzen.

Hans-Joachim Rehwald

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung berichtete Hans-Joachim Rehwald, der Sohn von Josef Rehwald, dass zwei seiner Onkel durch die Nazis hingerichtet worden seien. Eine Tante, sei an den Folgen der Haft gestorben und ein Onkel habe den Todesmarsch überlebt. Sein Vater sei im April 1939 in das Konzentrationslagern Sachsenhausen überstellt worden. Er habe bei der Hinrichtung August Dickmanns zusehen müssen.

In einem Video-Interview [Anm.: Transkript eines ähnlichen Interviews, Auszug, Genehmigung Fritz Poppenberg] kam der Augenzeuge Josef Rehwald (verstorben) selbst zu Wort. Er berichtete eindrücklich von der Erschießung August Dickmanns.

Hans-Joachim Rehwald bedauert zu wenig bei seinem Vater nachgefragt zu haben. Aus der Verfolgungsgeschichte seines Vaters habe er die Lehre gezogen, dass es möglich sei, für seine religiös motivierte Haltung mit allen Konsequenzen einzustehen. Dies setze eine persönliche Verantwortung vor Gott voraus.

Am Ende der Veranstaltung wurde die Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung“ eröffnet.

© Ingeborg Lüdtke

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Weiterführende Links:

https://alst.org/aktuelles/gedenken-zum-85-jahrestag-der-erschiessung-august-dickmanns/ https://www.youtube.com/watch?v=nS9kIly1B0c

Christoph Wilker
judenhelfer.dex

Kommentar: Radio Übrigens ist eine prägnante und aussagekräftige Zusammenfassung der bedeutenden Veranstaltung zum 85. Jahrestag der Ermordung des Zeugen Jehovas August Dickmanns vom 10.10.2024 in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen gelungen. Der Leser kann sich in relativ kurzer Zeit einen guten Überblick über Ablauf und Inhalt der Gedenkveranstaltung und den dieser zugrundeliegenden historisch bedeutenden Ereignisse machen. Aus seiner christlichen Überzeugung als Zeuge Jehovas widerstand August Dickmann mutig den Forderungen des NS-Terror-Regimes. Dr. Hans Hesse erweiterte in seiner Ansprache den Kreis der mutigen Zeugen Jehovas der NS-Zeit um Namen wie Gustav Stange und Horst Schmidt.
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